Prof.Dr.rer.nat.habil.Erhard Geißler © MDC Foto David Ausserhofer
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Die Trittbrettfahrer der Abteilung X der HVA

Genau zu der Zeit, da Segals Thesen auf der Konferenz in Harare erstmals der breiten internationalen Öffentlichkeit vorgestellt wurden, beschlossen einige Offiziere der für Desinformationen verantwortlichen Abteilung X (Zehn) der Hauptverwaltung Aufklärung des MfS, gemeinsam mit bulgarischen Geheimdienstlern auch eine AIDS-aus-Fort-Detrick-Kampagne zu führen. Am 3. September 1986 kündigten sie an„eine wissenschaftliche Studie und andere Materialien“ übergeben zu wollen, „die belegen, dass AIDS aus den USA und nicht aus Afrika stammt und AIDS ein Produkt der B-Waffenforschung der USA ist “ Die bulgarischen Genossen sollten sich „an der Lancierung des Materials in die Staaten Westeuropas, in die USA und in die Entwicklungsländer“ beteiligen. Mit der Studie war ganz offensichtlich das Harare-Pamphlet gemeint, das zu diesem Zeitpunkt in schon tagelang zur Verfügung stand – merkwürdigerweise nur nicht den Offizieren der HV A/X. Denn sie gaben als der Termin der Übergabe an: „ab I. Quartal 1987“. Der amerikanische Historiker Douglas Selvage behauptete, als es noch bei der Stasiunter-lagenbehörde beschäftigt war, die Stasi-Aktion sei vom KGB veranlasst worden. Beweisen kann er es nicht und er kann auch nicht erklären, warum sie der KGB-Kampagne um neun Monate hinterher hängt. Beim bulgarischen Geheimdienst wußte man ja schon längst Bescheid.

Jedenfalls belegt die Terminstellung, daß das Harare-Pamphlet zu diesem Zeitpunkt noch nicht im Besitz war. Das belegt wiederum, daß Selvage mit seiner Vermutung nicht recht hat, die Stasi habe an der Ausarbeitung und Verteilung des Pamphlets mitgewirkt. Erst ein knappes Jahr später wurde die Studie dann den Bulgaren übergeben – aber nicht als Harare-Original, sondern aus Nachdruck in einer in der Bundesrepublik erschienenen – und damit öffentlich zugänglichen – Broschüre (die überdies auch kritische Artikel zu den Segalschen Thesen enthielt). Diese Aktion von Offizieren der HV A – die üblicherweise als höchst effiziente Geheimdiensttruppe eingeschätzt wird – war mehr als stümperhaft – ganz abgesehen davon, daß sie unter Ignorierung der kritischen Einschätzung der Berliner Bezirksbehörde gedeckt war.

Im September 1988 – nachdem sich inzwischen die DDR-Regierung offiziell von Segals Thesen distanziert hatte – behaupteten die HV A/X-Offiziere, sie hätten „mittels ihrer operativen Möglichkeiten, eine Bestellung zur Ausarbeitung eines Films in West-Deutschland gegeben“. Ein Jahr später behaupteten sie sogar, den Film mitfinanziert zu haben. Gemeint ist der von Heimo Claasen und Malte Rauch produzierte Fernseh-Film „Die Afrika-Legende“, der ab Anfang 1989 mehrfach im westdeutschen Fernsehen und auch in Großbritannien ausgestrahlt wurde. BStU-Autor glaubt den Behauptungen der Stasi-Offiziere, obwohl diese nicht belegt werden können und obwohl die Filmemacher die angebliche Einflußnahme der Stasi auf den Film entschieden bestreiten. Aber selbst der Bundesgerichtshof glaubte eher den Stasi-Dokumenten und erlaubte es Selvage und der BStU, die Behauptungen weiter zu verbreiten.

Ich kann auch nicht beweisen, daß die Stasi in diesem Fall nicht die Hand im Spiel hatte. Selbst wenn das so gewesen wäre, dann wäre auch in diesem Fall mit fast dem letzten Westgeld der klammen DDR ein Rohrkrepierer produziert worden: Denn die Segals stehen alles andere als „im Mittelpunkt des Films“. Neun weitere Interviewpartner kamen zu Wort. Keiner von denen teilte die Segalschen Behauptungen. Folgerichtig wurde der Film bei seiner Erstausstrahlung am 3. Januar 1989 vom WDR so kommentiert: „Das Ergebnis des Films also: Legende, alles Legende wenn jemand behauptet, er wisse wo das AIDS Virus herkommt. An der Wahrheit kann nur der nicht interessiert sein, der mit Schuld an der Entstehung trägt, falls es Schuld an der Entstehung des Virus überhaupt geben sollte, und auch da ist nichts bewiesen“.

Ausführlich dazu in meinem Aufsatz über „die Gurkentruppe von der HV A“.

 

 

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