Prof.Dr.rer.nat.habil.Erhard Geißler © MDC Foto David Ausserhofer
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Mutter Natur und die DTAs

Biologische (BW) und Toxin-Waffen (TW) sind natürlich vorkommende Krankheitserreger, Schädlinge beziehungsweise von Lebewesen gebildete Gifte, die als Kampfmittel zur biologischen Krieg(s)führung beziehungsweise für Biosabotage- oder Bioterroraktionen genutzt werden. Dazu zählt aber nur eine sehr begrenzte Zahl von Agenzien.

BW werden häufig als „das dreckige Dutzend“ bezeichnet, obwohl es mehr als zwölf verschiedene Typen sind.

Dazu gehören unter anderem Pasteurella pestis. Dieser Erreger der Pest soll schon im 14. Jahrhundert von den Tataren bei der Eroberung von Kaffa auf der Krim eingesetzt werden sein, wodurch der Seuchenzug des „Schwarzen Todes“ ausgelöst worden sei. Beweise dafür fehlen allerdings.

Sicher ist hingegen, daß im Jahre 1763 bei Fort Pitt im heutigen US-Bundesstaat Pennsylvania Pockenerreger von britischen Soldaten gegen aufständische Indianer eingesetzt wurden.

Siegmund Freud erwähnte in seinen Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse "den Fall eines Mörders H., der sich Kulturen von höchst gefährlichen Krankheitserregern von wissenschaft-lichen Instituten zu verschaffen wußte [... und] diese Kulturen dazu gebrauchte, um ihm nahestehende Personen auf diese modernste Weise aus dem Wege zu räumen".

 

1877 konnten bei Mühlheim am Rhein [heute: Köln-Mühlheim] sowie in Schildau bei Torgau erstmals Kartoffelkäfer in Deutschland entdeckt (und zunächst wirksam bekämpft) werden.  Nach A. Horion habe trotz aller Nachforschungen niemals festgestellt werden können, wie die Käfer damals nach Mühlheim und Schildau gekommen waren: »Da eine zufällige Einschleppung von den Hafenstädten aus kaum anzunehmen ist, liegen wahrscheinlich böswillige Übertragungen irgendwelcher rachsüchtiger Menschen vor«. Wenn das stimmt, dann waren dies die ersten Biosabotageakte der neuesten Zeit.

 

Britische Militärs erwogen während des Ersten Weltkrieges, Colorado-Käfer über Deutschland ab­zuwerfen. Auch dem französischen Ministerpräsidenten Clemenceau soll damals einem ausführlichen Memo­ran­dum vorgeschlagen worden sein, Kartoffelkäfer aus Amerika einzuführen und von Flug­zeu­gen aus über den deutschen Feldern abzuwerfen. Experten verwarfen diesen Vor­schlag aber, weil sie fürchteten, die Insekten könnten die eigene Landwirtschaft schädigen. Die Furcht vor solchen "Bumerang-Effekten" schränkt den militärischen Wert biologischer Waffen bis heute ganz erheblich ein.

 

 

Eines der am meisten gefürchteten biologischen Kampfmittel ist Bacillus anthracis, der Erreger des Milzbrand. Anthraxbakterien sowie die Erreger der Pferdekrankheit Rotz wurden erstmals 1915 vom deutschen militärischen Geheimdienst für Biosabotageaktionen gegen Rinder sowie gegen Militärpferde verwendet.

Einige Mikroorganismen sind keine biologischen Kampfmittel, werden aber für militärische Zwecke genutzt. Dazu gehören Bacillus subtilis und Serratia marcescens. Sie wurden und werden als Simulantien eingesetzt, vor allem bei der Entwicklung von Ausbringungsverfahren sowie bei der Ausarbeitung von entsprechenden Defensivmaßnahmen, dem sog. „B-Schutz“.

Vereinbarte Definitionen gibt es auf diesem Gebiet nicht, sie fehlen auch in der Konvention über das Verbot der Entwicklung, Herstellung, Lagerung und Weitergabe biologischer und Toxin-Waffen. Für aggressive militärische Zwecke geeignete Organismen werden bisher meistens als „dual-use“-Agenzien bezeichnet oder als „potentielle biologische Kampfmittel“, „putative biological weapons“ oder so ähnlich.

Als ich Anfang der neunziger Jahre das „Impfstoffe für den Frieden“-Programm erstmals öffentlich vorstellen wollte, schrieb ich in einer frühen Version, es ginge dabei um die Entwicklung von Vakzinen gegen dual-use-Erreger. Der Herausgeber von Politics and the Life Sciences, Gary R. Johnson, machte mich damals aber freundlicherweise darauf aufmerksam, daß in diesem Zusammenhang der häufig verwendete Begriff „dual-use“ nicht passend ist: Mutter Natur mache keinen Gebrauch von pathogenen Keimen, wenn durch deren Einwirkung Menschen oder andere Lebewesen erkrankten.

Tatsächlich kann man derartige Erreger viel präziser bezeichnen als „dual-threat agents“, „zwiefach bedrohliche Agenzien“ oder kurz als DTAs. Der Begriff setzt sich allerdings nur langsam durch.

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