Prof.Dr.rer.nat.habil.Erhard Geißler © MDC Foto David Ausserhofer
Prof.Dr.rer.nat.habil.Erhard Geißler© MDC Foto David Ausserhofer

Die AIDS-Desinformationskampagne des KGB 

 

Von vornherein war das US State Department davon überzeugt, die Verbreitung des AIDS-aus-Fort-Detrick-Mythos sei eine Desinformations-kampagne des sowjetischen Geheimdienst KGB.

Tatsächlich konnten von Christopher Nehring im Archiv des ehemaligen bulgarischen Staatssicherheitsdienstes zwei Dokumente entdeckt werden, die die Rolle des KGB bei der Kampagne belegen. Am 7. September 1985 informierte die Erste Hauptverwaltung des KGB ihre bulgarischen Genossen:

»Wir führen einen Komplex von Maßnahmen in Verbindung mit der in den letzten Jahren in den USA auftretenden neuen gefährlichen Erkrankung […] AIDS und der ihr folgenden weiten Verbreitung in anderen Ländern, einschließlich der westeuropäischen, durch. Das Ziel der Maßnahmen ist die Erzeugung einer für uns günstigen Meinung im Ausland darüber, dass diese Erkrankung ein Resultat außer Kontrolle geratener geheimer Experimente der Geheimdienste der USA und des Pentagon mit neuen Arten biologischer Waffen ist.«

 

Keine zwei Monate später, am 30. Oktober 1985, wurde in der Moskauer Literaturnaya Gazeta behauptet, HIV sei im Auftrag des Pentagon in Südafrika (oder in Südamerika) isoliert und dann in Fort Detrick bearbeitet und dann freigesetzt worden. Im Wesentlichen ging es um eine Wiederholung der Behauptungen, die zuvor im Patriot erhoben worden waren. (Manche Autoren schließen daraus, schon der anonyme Leserbrief im Patriot stamme aus der Feder des KGB; ich glaube das nicht.)

 

Es darf vermutet werden, daß der Artikel in Literaturnaya Gazeta Ergebnis einer der erwähnten Aktivitäten des KGB war.

Unklar ist aber, warum sich der KGB mit dieser Aktion überhaupt auf so dünnes Eis begeben hat. Wollte man den neuen General-sekretär mit seinen umwälzenden Absichten in Mißkredit bringen? Die Erosion des kalten Krieges aufhalten? Genützt hat die Kampagne der Sowjetunion jedenfalls nicht. Im Gegenteil.

 

Erstens gefährdeten die Behauptungen die internationale zivile Kooperation, nicht zuletzt bei der AIDS-Be­kämpfung. Das machten die USA sofort deutlich.

 

Zweitens gefährdete der KGB die bilateralen Bemühungen um Rüstungskontrolle. Die sprach der KGB in einem weiteren, von Nehring entdeckten Dokument sogar direkt an: Mit der Arbeit am AIDS-Erreger hätten die USA Abkommen zur Kontrolle der Bio-waffen verletzt. Warum diese aus der Luft gegriffenen Behaup-tungen? Sollte damit vor den eigenen Vertragsverletzungen, der zu dieser Zeit ungebremst laufenden sowjetischen Hochrüstung auch mit biologischen Waffen ein Rauchvorhang gezogen werden? Wenn die Sowjetunion tatsächlich Beweise für ent-sprechende Vertragsbrüche in der Hand gehabt hätte, hätte sie bei den UN ein entsprechendes Vertragsverletzungsverfahren einleiten müssen. Hat sie aber nicht.

 

Erstaunlich ist allerdings, daß Vertreter der sowjetischen Regierung schon während der KGB-Kampagne dem Mythos gelegentlich explizit widersprachen, wenn auch nicht in aller Öffentlichkeit. Und führende sowjetische Virologen konnten ungehindert erklären, HIV habe einen natürlichen Ursprung.

 

Die Desinformationskampagne erwies sich jedenfalls als so kontraproduktiv, daß sie nach dem Gipfeltreffen von Außenminister Shultz und Generalsekretär Gorbatschow im Oktober 1987 in Moskau eingestellt wurde.

 

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