Prof.Dr.rer.nat.habil.Erhard Geißler © MDC Foto David Ausserhofer
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Schon wieder falscher Biowaffenalarm

Zum Jahreswechsel gab Generalsekretär Jens Stoltenberg der Deutschen Presse-Agentur ein Interview über die Herausforderungen der NATO im Jahre 2021.

NATO's Stoltenberg on Afghanistan: 'There is no guarantee of success'

Ansgar Haase  29 December 2020

 

 

DPA fragte unter anderem, ob die NATO bereit sei, „sich gegen eine Covid-19-ähnliche biologische Waffe zu verteidigen“. Daraufhin stellte Stoltenberg zunächst klar, „dass es einen wissenschaftlichen Konsens darüber gibt, dass das Coronavirus natürlichen Ursprungs ist. Es ist kein konstruierter Virus.“

 

Trotzdem, fährt der Generalsekretär fort, „zeigt es natürlich Gefahren, die mit dem Einsatz biologischer Kriegsführung verbunden sind - und die NATO ist vorbereitet: Wir haben Fähigkeiten, wir haben Übungen, wir haben Truppen, die sich dem Umgang mit biologischen Waffen widmen.“

 

Wie auch chemische Kampfmittel seien diese Waffen durch internationale Verträge verboten. "Aber wir müssen auf biologische und chemische Kriegsführung vorbereitet sein, weil wir wissen, dass diese Waffen noch existieren und dass das Risiko besteht, dass nichtstaatliche Akteure, Terroristen, sie einsetzen.“

 

Diese ausgewogene Erklärung versetzte zumindest die deutsche Presselandschaft in Alarmzustand. Die Berliner Zeitung machte am 30. Dezember 2020 mit der Schlagzeile auf:

Und Herausgeber Dr. Michael Maier veröffentlichte dazu - auf der Grundlage einer von dpa zu diesem Interview zusätzlich verbreiteten "Nachrichtenfassung" - einen ausführlichen Textbeitrag:

Tatsächlich sagte Stoltenberg in dem Interview, es sei „ein bißchen schwierig zu spekulieren… Wir müssen für jeden Einsatz einer biologischen Waffe den Kontext kennen, bevor wir darüber spekulieren, welche Art von Reaktion die NATO liefern muß.“ Jedenfalls gäbe es Konsens, daß der Erreger von Covid-19 nicht künstlich hergestellt worden ist.

Als Biowaffe ist das Coronavirus jedenfalls ebenso wenig geeignet wie HIV, der Erreger von AIDS. Auch um den hatte es ja Spekulationen über seine angebliche Konstruktion in einem Genlabor der US-Regierung gegeben. Gerade in der gegenwärtig grassierenden Pandemie merken wir wieder, daß sich Krankheitskeime trotz aller Gegenmaßnahmen völlig unkontrolliert über die Welt verbreiten können – ganz abgesehen davon, daß der Erreger von Covid-19 kaum Menschen im wehrpflichtigen oder für die (Kriegs)wirtschaft wichtigen Alter hinwegrafft, sondern vorzugsweise die Armen und Schwachen.

Generalsekretär Stoltenberg verweist richtig darauf, daß biologische Waffen – wie auch chemische Kampfmittel – völkerrechtlich verboten sind. Das Verbot chemischer Waffen ist sehr brüchig. Die jüngsten Beispiele dafür werden auch in dem Interview erwähnt.

Es gibt also zumindest derzeit keinen triftigen Grund vor einem drohenden Einsatz Biowaffen zu warnen.

Andererseits wären die Folgen der gegenwärtigen Coronavirus-Pandemie nicht so verheerend gewesen, wenn man rechtzeitig die Warnungen vor drohenden natürlichen Seuchen ernst genommen hätte. Schon vor zwei Jahrzehnten hatte die WHO Forschungen über das Gefahrenpotential von Coronaviren gefordert.

Aber bestätigte Verstöße gegen das seit 1975 existierende Biowaffenverbot gibt es nicht. In den inzwischen verstrichenen 45 Jahren sind weltweit weniger als einhundert Menschen Opfer von Biowaffen gewordenEs gibt also zumindest derzeit keinen triftigen Grund vor einem drohenden Einsatz Biowaffen zu warnen. Warum dpa trotzdem in ihrem deutschsprachigen Dienst Biowaffen-Fehlalarm schlug, ist völlig unverständlich.

Erfreulicherweise war die Berliner Zeitung am 7. Mai 2021 bereit, den Sachverhalt richtig zu stellen.  Nicht Biowaffen gehören aktuell zu den größten Bedrohungen der NATO, sondern - unter anderem - Desinformationen.

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