Prof.Dr.rer.nat.habil.Erhard Geißler © MDC Foto David Ausserhofer
Prof.Dr.rer.nat.habil.Erhard Geißler© MDC Foto David Ausserhofer

65 Jahre in Berlin-Buch

Das KWI für Hirnforschung um 1945. © MDC Foto: Sammlung Heinz Bielka

Nach dem Biologie-Studium in Leipzig begann mein beruflicher Lebensweg 1954 in Berlin-Buch im ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung.

 (Erst 50 Jahre später fand ich heraus, dass die Sowjets dort 1946 offenbar Untersuchungen zur biologischen Kriegs-führung durchführen lassen wollten. Glücklicherweise vereitelte das der britische Geheimdienst.)

Aus dem Institut für Hirnforschung war inzwischen das "Institut für Medizin und Biologie" der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin geworden.

In dessen Abteilung für biologische Krebs-forschung führte ich unter Leitung meines verehrten Lehrers und späteren Freundes Arnold Graffi strahlenbiologische Experi-mente an Hefezellen durch. Mit "reaktio-nären Fliegen" wollte ich aber (noch) nichts zu tun haben.

Am 1. April 1964 fing ich in Berlin-Buch an und war wieder gleich vom Glück begünstigt: Im Verlauf meiner Untersuchungen über den photodynamischen Effekt entdeckte ich zufällig und ungeplant, wie man lebende und tote Hefezellen voneinander unterscheiden kann. Schon ein Jahr später erschien meine erste Veröffentlichung.

Die Gnade der frühen Geburt

Ich wurde aber auch einer Gnade der frühen Geburt teilhaftig: 1930 geboren konnte ich noch vor dem Mauerbau promovieren und anschließend „im Westen“ eine Zusatzausbildung in Genetik absolvieren. 1960 hörte ich in Köln Genetik-Vorlesungen und lernte, genetische Experimente mit Bakterien und ihren Viren, den Bakteriophagen, durchzuführen. Und in Westberlin wurde ich an der Freien Universität im Wintersemester 1960/61 im Umgang mit der Fruchtfliege Drosophila, einem der wichtigsten Versuchstiere der Genetik, unterwiesen.

Diese Weiterbildung brachte mir dann schließlich – trotz 1956/57 erfolgten Parteiaustritts – sogar eine Professur für Genetik an der Universität Rostock ein. So etwas hatte sich Günter Gaus allerdings nicht vorstellen können: Er hatte in seinen Buch "Wo Deutschland liegt" eine „berufliche Aufstiegsgrenze“ diagnostiziert, „die von der Nichtzugehörigkeit zur SED oder wenigstens zu einer der sogenannten Blockparteien […] gezogen wird“ (S. 90).

 

Bei meinem 1960er Aufenthalt in Köln konnte ich zahlreiche, zum Teil bis heute anhaltende Kontakte knüpfen.

Vor allem lernte ich damals den späteren Nobelpreisträger Max Delbrück kennen. Der unterstützte mich fortan sehr, versorgte mich mit Fachliteratur und öffnete mir DDR-Bürger viele Tore im Westen die auch durch den Mauerbau nicht völlig verschlossen wurden.

 

Mikrobengenetik

 

 

 

 

Nach der Rückkehr aus Köln arbeitete ich zunächst in Berlin-Buch und dann einige Jahre an der Universität Rostock über die Genetik von Bakterien und deren Viren.

Mein erstes Büchlein, erschienen 1962

 

 

Ich hielt Vorlesungen in Mirkobiologie, Genetik und Virologie, widmete mich intensiv der Weiterbildung der Biologielehrer in Genetik und veröffentlichte erste Bücher: 1962 ein Büchlein über Bakteriophagen. 1970 und 1972 folgte der vor allem zur Weiterbildung der Lehrer Sammelband "DNS-Schlüssel des Lebens", sowie, 1972, die deutschen Übersetzung der "Delbrück-Festschrift".

 

Die kontaminierte Polio-Vakzine

Seit 1955 beschäftigte mich  - zunächst als jungen Journalisten - spinale Kinderlähmung und ihre Folgen. In Leipzig gab es eine verheerende Epidemie, und ich hatte in der Zeitung nur anzubieten, man möge zur Prophylaxe mehr Sauerkraut essen.

Leipziger Volkszeitung 16.8.1953
Berliner Zeitung 10. 7. 1955

Zur gleichen Zeit waren in den USA drei teams mit der Entwicklung eines Impfstoffes be-schäftigt. Albert Sabin und Jonathan Salk machten 1955 das Rennen. Welweit wurde mit der Impfung gegen Kinderlähmung begonnen. Auch darüber berichtete ich damals in der Presse.

Keiner konnte damals ahnen, daß das verheerende Folgen hätte haben können: Die ersten, 1955-1962 weltweit verabreichten, Vakzinen waren mit einem (zunächst noch unbekannten) Tumor-virus kontaminiert. Und in meinen kühnsten Träumen hätte ich mir nicht vorstellen können, daß ich mich etwa drei Jahrzehnte als Wissenschaftler damit beschäftigen würde.

 

 

 

Chancen und Risiken der Gentechnik

Schließlich veranlassten mich die in Genetik und Virologie gesammelten Erfahrungen, über Chancen und Risiken der neuen Methoden und Erkenntnisse nachzudenken. In diesem Zusammenhang kam es auch ab 1970 zur regelmäßigen Veranstaltung der „Kühlungsborner Kolloquien über philosophische und ethische Probleme der Molekularbiologie“, die bis über die Wende hinaus durchgeführt werden konnten.

Eine der Tafeln der Wanderausstellung zur Geschichte der biologischen Kriegsführung "Schwarzer Tod und Amikäfer"

 

Schließlich veranlassten mich die in Genetik und Virologie gesammelten Erfahrungen, über Chancen und Risiken der neuen Methoden und Erkenntnisse nachzudenken. In diesem Zusammenhang kam es auch ab 1970 zur regelmäßigen Veranstaltung der „Kühlungsborner Kolloquien über philosophische und ethische Probleme der Molekularbiologie“, die bis über die Wende hinaus durchgeführt werden konnten.

 

Zunehmend interessierte ich mich dafür, wie der militärische Missbrauch der Biowissenschaften begrenzt werden kann. Noch zu DDR-Zeiten engagierte mich SIPRI, das Stockholmer Internationale Friedensforschungsinstitut, als Konsultant für biologische Waffen. 

Und noch zu DDR-Zeiten konnte ich auf einer Vortrags-reise durch die USA für biologische Rüstungskontrolle werben.

Eine blühende Landschaft in Berlin-Buch

Die friedliche Revolution bedeutete für mich nicht nur keine Beeinträchtigung, sondern sogar Förderung dieser Aktivitäten. Zwei Wochen vor dem Beitritt zur Bundesrepublik führten wir – als eine der letzten Konferenzen in der untergehenden DDR – ein Kühlungsborner Kolloquium zur biologischen Rüstungskontrolle durch – nicht mehr finanziert von der DDR-Akademie sondern schon von der Volkswagenstiftung.

In Berlin-Buch ging dann aus dem Zentralinstitut für Molekular-biologie und anderen Akademie-Einrichtungen das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin und ein biomedizinischer Forschungscampus hervor.

Vor allem dank der Aktivitäten von Gründungsdirektor Detlev Ganten entstand hier wahrhaftig eine blühende Landschaft.

 

  Der Bucher MDC-Campus um 2010.

 

Das untenstehende Bild zeigt mich im Sommer 2013 bei der Schlußredaktion der ersten Zusammenfassung einer mehrjährigen Recherche über den sogenannten „AIDS-Mythos“: Wer steckte hinter den Behauptungen, HIV stamme aus dem amerikanischen Biowaffen(schutz)institut USAMRIID in Fort Detrick?

 

Aber damit war noch nicht Schluß. 2015 "würdigte" ich den 100. Jahrestag der Einführung von Bakterien als Kampfmittel durch die Deutschen: Sie begannen im Mai 1915 damit, Milzbrand- und Rotzerreger in Biosabotage-aktionen einzusetzen.

Vor allem aber befasste ich mich als Gastwissenschaft-ler am MDC mit der inzwischen 35jährigen Geschichte des HIV-aus-Fort-Detrick-Mythos: Spätestens im Herbst 1985 startete der KGB eine entsprechende Desinformations-kampagne. Wohl unabhängig davon begann auch der Ostberliner Emeritus Jakob Segal damit, sich mit der Herkunft des AIDS-Erregers zu beschäftigen. Darüber wurde 2019 ausführlich in zwei Publikationen berichtet und auch in einem ausführlichen Abschnitt dieser Webseite.

Nach Vollendung des neunzigsten Lebensjahres werde ich mich dann endlich in den Ruhestand begeben.

 

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© Prof.Dr.Erhard Geißler