Prof.Dr.rer.nat.habil.Erhard Geißler © MDC Foto David Ausserhofer
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Qudratdesinformation selbst durch die BStU

„Was mich bei unseren Forschungen zum Buch am meisten verwundert hat, war, mit wie wenig Nachrecherche in Westberlin und Westdeutschland die Informationen [über den Mythos] übernommen wurden. Wenn das HI-Virus tatsächlich an Gefangenen getestet worden wäre, wie Segal behauptet hat, dann hätte es doch Betroffene geben müssen, Zeugen, Informanten. Aber es wurden keinerlei harte Fragen gestellt, und nach Zeugen und Betroffenen scheint niemand gesucht zu haben!“

So sprach Dr. Douglas Selvage, Projektleiter in der Stasi-Unterlagen-Behörde. Zitiert wurde es von einer Journalistin der taz in einem Artikel über „Die Aids-Verschwörung“. Darin geht es um eine  von der Stasi-Unterlagen-Behörde herausgegebene gleichnamige Broschüre, die im Untertitel den eigentlichen Inhalt ankündigt „Das Ministerium für Staatssicherheit und die AIDS-Desinformationskampagne des KGB“. Verfasst wurde sie von Douglas Selvage, einem amerikanischen Historiker, und dem Heidelberger Doktoranden Christopher Nehring.

 

Nehring habe ich viel zu verdanken. Als SPIEGEL online im Juli 2012 meinen Aufsatz „Woher kam das Virus wirklich“ unterrichtete mich Nehring sofort, er habe in Sofia beim Studium der Unterlagen des ehemaligen bulgarischen Geheimdienstes Dokumente entdeckt, die doch eine aktive Rolle des MfS bei der Verbreitung des AIDS-Mythos bewiesen. Freundlicherweise stellte mir Nehring sogar Kopien einiger der Unterlagen zur Verfügung.

Die in Sofia entdeckten Dokumente, sowie einige mir bisher nicht zugänglich gemachte Unterlagen im Archiv der BStU veranlassten Selvage und Nehring nun die erwähnte Broschüre vorzulegen.

Im Impressum heißt es war, in der entsprechenden Schriftenreihe würden nur die Auffassungen der Autoren wiedergegeben. Trotzdem kündigt die BStU bereits auf ihrer Titel-Website "Die AIDS-Verschwörung" an und offeriert einen Vortrag Selvages dazu als Audiobeitrag.

Die BStU identifiziert sich also mit dem großen Anspruch ihrer Autoren:

Allerdings machen die Autoren den gleichen Fehler, den Selvage im oben erwähnten Zitat anderen vorgeworfen hat. Zu den neu entdeckten Dokumenten wurden nämlich „keine harten Fragen" gestellt. Außerdem werden Unterlagen gezielt unvoll­ständig zitiert, Zitate werden gelegentlich völlig aus ihrem Zusammenhang gerissen, Fakten werden ignoriert, wenn sie nicht den Intentionen der Autoren entsprechen und häufig wird mit reinen Vermutungen argumentiert.

Nein, im Gegensatz zu den Behauptungen der BStU-Autoren gab keine „AIDS-Verschwörung“ zwischen KGB, MfS und Segal. Nein, Axen war nicht der Auftraggeber Segals. Zwar wollten einige Offiziere der für Desinformation und andere  „aktive Maßnahmen“ verantwortlichen Abteilung Zehn der Hauptverwaltung Aufklärung des MfS (HV A/X) den Mythos tatsächlich weiter verbreiten, aber ihre Maßnahmen blieben marginal. Dass sie den Fernsehfilm Afrika-Legende initiiert und gesponsort haben ist wenig wahrscheinlich. Das gilt auch für ihre angebliche Rolle bei der Veröffentlichung von Heyms Interview in der taz. Abgesehen davon erwiesen sie sich beratungsresistent und handelten gegen DDR-Politik.

Eine detaillierte Kritik an der Broschüre ist im Druck und erscheint im Juli 2015.

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