Prof.Dr.rer.nat.habil.Erhard Geißler © MDC Foto David Ausserhofer
Prof.Dr.rer.nat.habil.Erhard Geißler© MDC Foto David Ausserhofer

Darwin today

Aber einige waren doch waren doch ganz besonders. Dazu gehörte das VIII. Kolloquium, das wir am Vorabend des ein­hundert­sten Todestages von Charles Darwin im November 1981 durchführten.

 

 Da dies die weltweit erste Gedenk­ver­anstal­tung war, durften wir sogar einen Urenkel Darwins, den Cambridger Physiologen Richard Darwin Keynes, einladen – natürlich nur mit Genehmigung durch das ZK der SED, das aus diesem Anlaß auch genehmigte, die gesamte Veranstaltung in Englisch abzuhalten.

 

Im englischsprachigen Protokollband haben wir uns mit der Originalfassung begnügt.

 

Lediglich einer der sowjetischen Teilnehmer, der Philosoph Ian T. Frolov - Chefredakteur der Zeitschrift Voprossi Filosofii - , reiste mit einem Manuskript in russischer Sprache an. Keynes Dolmetscherin Renate Schneider, meine spätere Frau, und Peter Franz, ein junger DDR-Philosoph, übersetzten den Text nächtens und Renate trug ihn anderntags in Englisch vor.

 

Der Urenkel Darwins übermittelte eine Grußadresse des Präsidenten der Royal Society

 

 

und übergab dem Präsidenten der Akademie der Wissenschaften der DDR (die bis 1990 ständiger Veranstalter der Kühlungsborner Kolloquien war) die Kopie eines Photos von Charles Darwin.

Einer der Referenten war der Ostberliner Verhaltensforscher Günter Tembrock – ein von der Obrigkeit wegen seines überaus kritisch beäugten Fachgebiets gerade mal geduldeter, aber kaum unterstützter internationaler Experte. Unsere Kolloquien boten ihm mehrfach Möglichkeiten zum Vortrag seiner Forschungsergebnisse.

Auf dem von entscheidend von ihm mitgestalteten VI. Kolloquium, auf dem 1977 „Philosophische und ethische Probleme der modernen Verhaltensforschung“ behandelt wurden, erfuhr er eine besondere Würdigung:

Der Dichter Rainer Kirsch stellte in seiner Gegenwart sein - damals noch unveröffentlichtes - literarisches Portrait "Der Verhaltensforscher Professor Günter Tembrock“ vor und zur Diskussion. Auch das war einer der Höhepunkte der Tagungsreihe – und auch das hatte ein Nachspiel: Meine Chefin und ihr Mann denunzierten mich deswegen in der Abteilung Wissenschaft des Zentralkomitees der SED.  Kirsch hatte nämlich bei der Beschreibung von Tembrocks Gedankenwelt unter anderem formuliert, „auch der Marxismus ist ja, wie viele utopische Soziallehren vor ihm, eigens dazu erfunden worden, daß alle Menschen artgemäß leben können“. Aber Tembrock und ich haben’s überlebt und Kirschs Text - inzwischen in dem Reclam-Bändchen Kopien nach Originalen erschienen - konnten wir mit freundlicher Genehmigung des Leipziger Reclam-Verlages sogar in den Tagungsband aufnehmen.

Lärm mit Topfdeckeln und Rotkäppchen-Sekt für alle

Einmal wurde Tembrock aber auch gestört. Auf dem Darwin-Today-Kolloquium sprach er über „Biosocial aspects of human evolution“. Das war am 11. November 1981, gegen elf Uhr.

Als Tembrock gerade dabei war zu erklären, daß „animal behaviour consists of organic interactions with the environment“, gab es einen – auch uns Organisatoren - völlig überraschenden "Umwelteinfluß": Die Flügeltüren zur benachbarten Küche öffneten sich. Das Küchenpersonal marschierte ein, Topfdeckel aneinanderschlagend, und die Servierkräfte folgten mit Tabletts mit gefüllten Sektgläsern: Im Gegensatz zu uns war den wachsamen Mitarbeitern des Tagungshotels am elften Elften nicht entgangen, daß es inzwischen elf Uhr elf war…

 

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