Prof.Dr.rer.nat.habil.Erhard Geißler © MDC Foto David Ausserhofer
Prof.Dr.rer.nat.habil.Erhard Geißler© MDC Foto David Ausserhofer

Rüstungskontrolle in der untergehenden DDR

Probleme der Abrüstung und Rüstungskontrolle wurden auf mehreren Kühlungsborner Kolloquien diskutiert. Bereits auf dem 1970er Kolloquium stand ein halber Konferenztag für Diskussionen über Kontrolle der ABC-Waffen zur Verfügung.

 

 

Für das XI. Kolloquium im Dezember 1988 konnten wir den Philosophie-Professor der Dresdener Militär-akademie, Kapitän zur See Dr. Wolfgang Scheler als Referenten gewinnen. Er sprach über „Neues militärisches Denken im Lernprozess für das Überleben der menschlichen Gattung“. Bezeichnend für die Einstellung gegenüber der „Volksarmee“ und ihrer Repräsentanten verließ etwa ein Drittel der Tagungsteilnehmer den Saal, als Scheler in seiner schmucken Marine-Uniform zum Rednerpult schritt. 

Aber die Unvoreingenommenen, die bereit waren, dem Militär­philo­sophen zuzuhören, waren zunehmend beeindruckt, vor allem die Teilnehmer „aus dem Westen“. Unter anderem formulierte der Referent einen für unsere DDR-Ohren ungewohnten Satz: „Das neue militärische Denken enthält in sich sogar den logischen Satz zu seiner Selbstaufhebung, denn seine Intention ist die Auflösung des Militärs als Mittel internationaler Politik. Nicht die Bombe, die Vernunft soll die Welt regieren“.

Zur gleichen Zeit waren wir schon mitten in den Vorbereitungen für das XII. Kolloquium. Das sollte im September 1989 stattfinden, vor der nächsten Überprüfungskonferenz zur Bio-und-Toxin-Waffen-Konvention. Experten aus Ost und West sollten möglichst frei von regierungsamtlichen Direktiven über „Biological Weapons and the Responsibility of Scientists“ diskutieren.

 

Für eine solche internationale Tagung war die Zustimmung „von ganz oben“ erforderlich. Am 22. Mai 1989 stimmte das Sekretariat des ZK der SED mit Beschluss Nummer 03 1./843 56/89 der Durchführung des Kolloquiums zu. Das Außenministerium unterrichtete anschließend alle Partnerstaaten der Biowaffen-Konvention über die Veranstaltung und erklärte sich bereit, 200 Bände des vorgesehenen Tagungsbandes zu erwerben und allen Vertragspartnern zur Verfügung zu stellen.

Aber dann kamen die Wende, die Einführung der Westmark und all die anderen kleinen und großen Veränderungen. Und Freiräume für neue Ideen. Ein großer Vorteil war natürlich, dass nunmehr die Korrespondenz mit ausländischen Tagungsteilnehmern und den Mitgliedern des Internationalen Vorbereitungskomitees im Gegensatz zu früher völlig ungehindert geführt und dass auch ungehindert telefoniert werden konnte. Auch mussten Einladungen „westlicher“ Teilnehmer nicht mehr einzeln detailliert begründet und beantragt werden.

Aber total negativ wirkte sich zunächst aus, dass die Veranstaltung einschließlich der Aufenthaltskosten der Referenten und anderer eingeladener Gäste nicht mehr von der Akademie finanziert werden konnte, während die Preise für Unterkunft, Verpflegung und lokalen Transport drastisch erhöht wurden.

Fast wäre das Tagungsprojekt ins Wasser gefallen, wenn nicht die Volkswagen-Stiftung in letzter Minute 50.000 DM bewilligt hätte. Die Tagung konnte stattfinden – vermutlich als letzte wissenschaftliche Konferenz der untergehenden DDR. Zwei Wochen danach trat diese der Bundesrepublik Deutschland bei…

 

mit Suryanarayan Ramachandran , New Delhi, Robert C. von Borstel , Edmonton, und Robert H. Haynes , Toronto

Die Tagung war ein voller Erfolg. Experten aus aller Welt waren angereist. Sogar der Stellvertretende Generalsekretär der Vereinten Nationen hatte ein Grußwort übermittelt und eine Vertreterin der UN-Abrüstungsabteilung aus New York entsandt. Auch von der Regierung der gerade noch existierenden DDR wurde die Tagung gewürdigt: Die Minister für Abrüstung und Verteidigung (wo in aller Welt gab und gibt es sonst noch ein solches Amt, noch dazu geleitet von einem Pfarrer?), für Gesundheitswesen sowie für Auswärtige Angelegenheiten übermittelten Grußadressen.

 

 

Im Hinblick auf die bevorstehende Überprüfungskonferenz erwies sich als besonders fruchtbar, dass unseren Intentionen entsprechend tatsächlich ein direkter Meinungsaustausch zu besonders gravierenden Problemen zwischen Vertretern der Großmächte stattfand.

Anschließend konnte allen Partnerstaaten der Biowaffenkonvention ein Exemplar des Tagungsbandes zur Verfügung gestellt werden.

 

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