Prof.Dr.rer.nat.habil.Erhard Geißler © MDC Foto David Ausserhofer
Prof.Dr.rer.nat.habil.Erhard Geißler© MDC Foto David Ausserhofer

Biosabotage in WWII:Aktionen des polnischen Widerstands

An anderer Stelle wird dokumentiert, wie die Geheimdienste insbesondere auf dem Gebiet von biologischer Kriegsführung, Biosabotage und Bioterror gröblichst versagten[1]. Das gilt vor allem auch für die Zeit während des Zweiten Weltkriegs. Da dank der erfolgreichen Er­kun­dungsaktivitäten durch die angloamerikanische ALSOS-Mission recht gut bekannt ist, was der deutsche militärische Nachrichtendienst über die entsprechenden Maßnahmen der westalliierten Kriegsgegner wußte beziehungsweise zu wissen glaubte, kann in zahlreichen Fällen belegt werden, wann richtige bzw. falsche Informationen gesammelt worden waren. Kaum entsprechende Erkenntnisse liegen bezüglich des östlichen Kriegsschauplatzes vor, da über die sowjetischen Biowaffenaktivitäten sowie über entsprechende Sabotage- und Terroraktionen bisher nur wenige Informationen verfügbar sind.

Dank der kürzlich nun auch in Deutsch herausgegebenen Erinnerungen Jan Karskis [2], der laut Verlag „der wichtigste Agent des polnischen Widerstands“ war, ist es inzwischen möglich, bestimmte Informationen der Wehrmacht über entsprechende polnische Aktivitäten zu verifizieren. Im November 1943 wurde dem Generalkommissar des Führers für das Sanitäts- und Gesundheitswesen, Generalarzt Professor Karl Brandt und einer ganzen Reihe von Wehrmachts- und SS-Dienststellen vom Chef des Wehrmachtsanitätswesens eine „Zusammenstellung der von Banden und Saboteuren geplanten und durchgeführten Sabotageakte“ übersandt. Neben angeblichen Vergiftungen und Intoxinationen (beispielsweise mit Botulinustoxin) werden in der Zusammenstellung auch einige biologische Sabotageakte aufgelistet.

 


[1] Erhard Geißler, Anthrax und das Versagen der Geheimdienste.Kai Homilius Verlag, Berlin 2003.

[2] Jan Karski, Mein Bericht an die Welt. Suhrkamp Taschenbuch Verlag 2012. Aus dem englischen Originaltext (Story of a Secret State, 1944) und der französischen Neuausgabe von 2010 übersetzt von Franka Reinhart und Ursel Schäfer. Mit einer Einführung von Céline Gervais-Francelle.

 

 

Begleitschreiben zur Zusammenstellung der Sabotageakte. NACP RG319 Box 3, Folder BW14, Blatt 177. Ein weiteres, gleichlautendes Schreiben ging an Prof. Karl Brandt
Erste Seite der „Zusammenstellung der von Banden und Saboteuren geplanten und durchgeführten Sabotageakte“. NACP RG319, Box 3, Folder BW14, Blatt 178-180.
Englische Übersetzung der zweiten Seite der „Zusammenstellung“ mit der Aufführung der (angeblich) im Generalgouvernement (übersetzt mit „Poland“) begangenen Sabotageakte. ALSOS Mission, „Translation of German Folder of Official Directives and Corresponde

Als ich die in den ALSOS-Dokumenten gespeicherte Zusammenstellung erstmals publizierte und kommentierte fügte ich gleich die Frage an, „wie zuverlässig die in der Zusammenstellung gemachten Angaben waren“[1] und erwähnte Beispiele, die „die Fragwürdigkeit der in der Zusammenstellung gemachten Angaben“ belegen.

Dank Karski können nun einige Angaben tatsächlich bestätigt werden:

 

Karski berichtet in diesem Zusammenhang:

Wir stritten mit allen erdenklichen Mitteln in einem nackten Kampf ums Überleben gegen einen Feind, der entschlossen war, uns zu vernichten[…]

Wir hatten regelrechte Experten für Vergeltung. […] Ich erinnere mich an einen Mann namens Jan, der aus der Provinz Poznán stammte und fließend Deutsch sprach und Papiere eines Volksdeutschen hatte. Vor dem Krieg war er Schweinehändler gewesen. Seine Region hatte besonders schlimm unter den Grausamkeiten der deutschen Besatzer zu leiden. […]

Jans Spezialität war die Verbreitung ansteckender Krankheiten. Er trug immer eine erstaunliche Sammlung aller möglichen tödlichen Erreger bei sich. Dafür benützte er eine wunderschöne, eigens zu dem Zweck gefertigte Kiste, die Läuse beherbergte, die Träger von Keimen, Typhusbakterien und anderem waren. […]

Er ging in beliebte Lokale, fing ein Gespräch mit deutschen Soldaten an und trank mit ihnen. […] Im geeigneten Moment ließ er eine Laus mit Typhuserregern in den Kragen seines deutschen Freundes fallen. Oder er schüttete Bakterien in die Gläser. Er führte den Deutschen auch Mädchen mit Geschlechtskrankheiten zu. […] Nicht ein Deutscher, mit dem er in Kontakt ge­treten war, entkam dem „wandelnden Erreger“, wie er bei uns hieß, ungeschoren.“[2]

Und an anderer Stelle berichtet Karski:

Mehrfach schalteten wir beispielsweise Zuhälter ein, damit sie den deutschen Offizieren Prostituierte zuführten, die, wie wir wussten, Ge­schlechts­krankheiten hatten“.[3]

Einschränkend muß allerdings festgestellt werden, daß die von Karksi geschilderten Aktionen in der deutschen „Zusammenstellung“ nicht explizit erwähnt werden.

 

 

 

[1] Erhard Geißler, Biologische Waffen – nicht in Hitlers Arsenalen.Biologische und Toxin-Kampfmittel in Deutschland von 1915 bis 1945. LIT-Verlag Münster, 1998, 1999, S. 423.

[2] Jan Karski, Mein Bericht an die Welt. Suhrkamp Taschenbuch Verlag 2012, S. 368-369.

[3] Karski, S. 367.

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