Prof.Dr.rer.nat.habil.Erhard Geißler © MDC Foto David Ausserhofer
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Halt! Amikäfer!

„Amikäfer“ nannte Paul Merker – von der Gruppe um Wolfgang Harich als Nachfolger Walter Ulbrichts in Erwägung gezogenes – Mitglied des Politbüros der SED die angeblich über die DDR abgeworfenen Kartoffelkäfer. Dazu weiter unten mehr.

Die auch „Colorado-Käfer“ genannten gefährliche Kartoffelschädlinge sind typische „dual-threat agents“, das heißt Lebewesen, die sowohl eine natürliche Bedrohung von Mensch, Tier und oder Pflanze darstellen als auch militärisch oder terroristisch eingesetzt werden können.

Die friedliche Invasion

Am 22. August 1902 bekam der Reichskanzler einen Brief vom Senat der Freien und Hansestadt Hamburg:

Bei der hiesigen Station für Pflanzenschutz ist ein Coloradokäfer eingeliefert, welcher von einem hiesigen Volksschüler während eines Ferienaufenthalts in Mecklenburg in Radegast bei Gadebusch auf einem Kartoffelfelde gefangen und lebend mit nach Hamburg gebracht ist. Der Schüler zeigte den lebenden Käfer seinem Lehrer, welcher ihn sofort als Coloradokäfer erkannt, denselben in Alkohol tödtete, um sein Entweichen zu verhüten, und ihn der Station für Pflanzenschutz übergab. […] Der Senat verfehlt nicht, Eurer Exzellenz hiervon Mitteilung zu machen und den Käfer in besonderem Päckchen ergebenst zu übersenden.“

In Berlin wurde daraufhin unter anderem beschlossen, eine Expertenkommission nach Radegast bei Gadebusch zu entsenden. Die suchte die Felder um Radegast ab, fand aber keine weiteren Kartoffelkäfer. Das war kein Wunder.

Der Hamburger Senat konnte nämlich dem Reichskanzler am 31. August mitteilen, nach eingehender Befragung habe der Knabe gestanden

dass der Käfer ihm von seinem Onkel, der als Seemann auf einem Schiff nach Amerika fährt, mitgebracht worden sei; er habe die falsche Angabe gemacht […] um seinen Onkel vor Strafe zu bewahren, weil er gehört hatte, das Mitbringen eines solchen Käfers werde mit 100 M. Geldstrafe bestraft.

Vor Kartoffelkäfern hatte man nämlich damals große Angst. Kaiser Wilhelm I hatte deshalb schon 1875 die Einfuhr von Kartoffeln aus Amerika verboten.

Mehr dazu an anderer Stelle.[i] Dort – und an anderer Stelle[ii] – ist beschrieben, wie sich Käfer sich in den dreißiger Jahren doch in Westeuropa ausbreiteten, 1936 die deutsche Grenze erreichten und während des Kriegs ganz Deutschland befielen.


[i] Erhard Geißler, Biologische Waffen – nicht in Hitlers Arsenalen. Biologische und Toxin-Kampfmittel in Deutschland von 1915 bis 1945. LIT-Verlag Münster, 1997, 1998, 443-482.

[ii]Geissler, E., „Kartoffelkäfer als dual-threat agents“. In: E. Höxtermann, J. Kaasch, M. Kaasch & R.K. Kinzelbach (Hg.) Berichte zur Geschichte der Hydro- und Meeresbiologie und weitere Beiträge der 8. Jahrestagung der DGGTB. Verhandlungen zur Geschichte und Theorie der Biologie, Bd. 5, Verlag für Wissenschaft und Bildung, Berlin, 2000, 209-237.

 

Kartoffelkäfer als Kampfmittel

In der Ausstellung wird ausführlich über die Käfer informiert.

Briten und Franzosen erwogen bereits im Ersten Weltkrieg den Einsatz von Kartoffel-käfern zur Vernichtung der deutschen Kartoffelernte. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs nehmen die Franzosen solche Überlegungen wieder auf – was den Deutschen nach der Eroberung Frankreichs bekannt wird.

1942 berichtet ein V-Mann fälschlicherweise, die Westalliierten bereiten einen Angriff mit den Käfern vor. Hitler verbietet auf Grund dieser Falschmeldung deutsche Biokriegsvorbereitungen. Das hindert einige deutschen BW-Experten nicht, unter dem Vorwand „B-Schutz“ zu bereiten, Feldversuche mit Kartoffelkäfern als Waffe durchzuführen. Zum praktischen Einsatz kommen die Schädlinge jedoch nicht.

"Amikäfer" als Mittel der psychologischen Kriegsführung

Nach dem Krieg dehnten sich die Käfer auf ihrer natürlichen Wanderung weiter Richtung Osten aus. Im Jahre 1950 waren etwa 20% der Kartoffelanbaufläche der DDR befallen. Die Versorgung mit dem Hauptnahrungsmittel war dadurch ernsthaft bedroht. Der von Nazideutschland übernommene „Kartoffelkäferabwehrdienst“ war weitgehend zusammengebrochen. Pflanzenschutzmittel standen wegen Demontage der Produktionsstätten kaum zur Verfügung.

Auch Bert Brecht fiel darauf rein und dichtete entsprechendes

Die DDR-Führung versuchte dieses Versagen – ziemlich erfolgreich – dadurch zu kaschieren, dass sie die Käferinvasion den Imperialisten in die Schuhe schob.

 

 

 

Noch heute, mehr als ein halbes Jahrhundert nach dieser Desinformations-aktion, ist das Thema ist immer noch von Interesse - nicht nur in Deutschland.



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