Prof.Dr.rer.nat.habil.Erhard Geißler © MDC Foto David Ausserhofer
Prof.Dr.rer.nat.habil.Erhard Geißler© MDC Foto David Ausserhofer

Alte und neue Desinformationen

Diese deutschen Geheimdienstaktivitäten liefen weitgehend ins Leere. Das trug maßgeblich dazu bei, dass sowohl Reichswehr als auch Wehrmacht bis 1940 Möglichkeiten zur biologischen Kriegsführung fast total ignorierten.[1] Ausländischen Geheim-diensten entging das leider völlig.

Statt dessen setzte sich aus Furcht vor einer angenommenen biologischen Wiederbewaffnung Deutschlands eine weltweite biologische Rüstungsspirale in Gang, die vor allem durch eine Folge von Desinformationen und Fehleinschätzungen immer wieder angetrieben wurde.[2] Zwar eskalierte sie im Zweiten Weltkrieg auf dem europäischen Kriegsschauplatz nicht – bemerkenswerterweise auch auf Grund einer Fehlinformation -, kam im anschließenden Kalten Krieg aber wieder und noch intensiver in Gang und endete mit einem Desaster:


[1] Erhard Geißler, Biologische Waffen - nicht in Hitlers Arsenalen. Biologische und Toxin-Kampfmittel in Deutschland von 1915 bis 1945. 2. erweiterte Auflage. LIT-Verlag, Münster, 1999.

[2]Erhard Geißler, Anthrax und das Versagen der Geheimdienste. Kai Homilius-Verlag Berlin, 2003.

 

Time 9. Juni 2004.

 

Mindestens 150.00 Todesopfer – vorwiegend aus der Zvilbevölkerung – waren im Jahre 2003 die Folgen der von USA und UK verbreiteten Desinformation, Saddam Hussein sei im Besitz von einsatzfähigen Biowaffen.

Das Time Magazin kommentierte mit schwarzem Humor: Die Massenvernichtungswaffen hätten sich als Massen-verschwindungswaffen erwiesen…

Im Jahre 1988 behauptete der sowjetische Überläufer Kenneth Alibek, die Rote Armee hätte 1942 Tularämie-Erreger gegen die vorrückenden deutschen Truppen eingesetzt. Alibek zufolge hätte die von den Bakterien verursachte Seuche die 4. Panzerarmee derart geschwächt, dass sie ihren Vormarsch Richtung Stalingrad stoppen musste. Das die Hauptursache für die verheerende Niederlage in Stalingrad gewesen

Führerbefehl vom 13, Juli 1942 betr, Fortsetzung der Operationen der Heeresgruppen A und B

Nichts davon stimmt: Tatsächlich war es Hitler, der am 13. Juli 1942 die 4. Panzerarmee in andere Richtung dirigierte.[1]

Und die Sowjets betrieben zu dieser Zeit als Folge Stalins Repres-sionen nur ein margi-nales Biowaffenpro-gramm. Sie arbeiteten nicht mit den Erregern der Tularämie.[2]


[1] Erhard Geissler, “Alibek, Tularaemia and The Battle of Stalingrad”, Chemical and Biological Weapons Conven-tion Bulletin, No. 69+70, 10-15. 2005.

[2] Valentin Bojtzov and Erhard Geissler, "Military biology in the USSR, 1920-45": Geissler, E. and J.E. van Courtland Moon (eds.), Biological and Toxin Weapons: Research, Development and Use from the Middle Ages to 1945. Oxford University Press, Oxford, 1999, 153-167.

Im Jahre 2006 behauptete der US-amerikanische Historiker Frank M. Snowden in einem vielfach hoch gelobten Buch über den Kampf gegen die Malaria in Italien, die Wehrmacht habe 1943 die Pontinischen Sümpfe als Maßnahme zur biologischen Kriegführung geflutet: Die Italiener sollten, so Snowden, dafür „bestraft“ werden, daß sie sich den allierten Invasionstruppen ergeben hatten.

Jeanne Guillemin und ich haben die Vorwürfe Snowdens widerlegt.[1],[2] (Snowden wurde vom Chefredakteur von Politics and the Life Sciences mehrfach angeboten, in dieser Zeitschrift eine Gegen-darstellung oder eine Kommentar zu veröffentlichen. Der Historiker zog es vor, auf diese Vorschläge nicht zu reagieren).

In diesem Zusammenhang haben Jeanne Guillemin und ich erneut die Aktivitäten auf Betreiben Himmlers 1942 gegründeten „Entomologischen Instituts der Waffen-SS und Polizei“ erwähnt. Dessen Direktor Eduard May interessierte sich – wie ich bereits 1998 ausführlich beschrieben hatte - dafür, „ob Malaria künstlich mit Hilfe von Mosquitos verbreitet werden könne“. Sein Institut wurde aber so schleppend eingerichtet, daß er erst im Spätsommer 1944 mit ersten Experimenten beginnen konnte.


[1] Erhard Geissler and Jeanne Guillemin, “German flooding of the Pontine Marshes in World War II: Biological Warfare or Total War Tactic?” Politics and the Life Sciences 29, no. 1, 1-23 (2010).

[2] Erhard Geißler, „Deutsche biologische Kriegsführung in Italien? Nicht nur reine Spekulation, sondern Verdrehung der Tatsachen.“ Wehrmedizinische Monatsschrift 54, Heft 4, 131-137 (2010).

Insofern ist es unverantwort-lich, dass eine renommierte Zeitschrift kürzlich einen Artikel des Tübinger Entomologen Klaus Reinhardt veröffentlichte, der dem Titel zufolge „evidence for offensive biological warfare research in the third Reich“ beschrieb [Hervorhebung E.G.].[1]

Zwar beschränkt sich diese erneute Desinformation lediglich auf Titel und ersten Absatz; im Artikel selbst wird kein Beleg für angebliche offensive Biowaffenforschungen vorgelegt sondern in erster Linie diskutiert, warum Dr. Eduard May mit der Leitung des dieses Instituts beauftragt worden war. In der abschließenden „Conclusion“ geht es auch nur darum, daß May eine „enigmatic figure“ sei und ist von biologischer Kriegsführung keine Rede.

 

Dass der Artikel trotzdem ein breites Echo in einigen Printmedien und im Internet findet, zeigt einmal mehr, wie leichtfertig unbegründete Desinformationen über dieses sensible Thema verbreitet werden.

Über weitere Desinformationen, und über einschlägige „Desinformation im Quadrat“ wird an anderer Stelle auf dieser Website berichtet, ausführlich vor allem an anderer Stelle.[2]


[1] Klaus Reinhardt, „The Entomological Institute of the Waffen-SS: evidence for offensive biological warfare research in the third Reich“, Endevour 37, 4, 2013, 220-227.

[2] Erhard Geissler and Robert H. Sprinkle, „Desinformation squared. Was the HIV-from-Fort-Detrick myth a Stasi success? Politics and the Life Sciences 32, no.2, 2-97 (2013).

Wohl nur ein einziges Mal hatten einschlägige Falschmeldungen positive Folgen, und zwar nachhaltige: Irreführende Informationen über bevorstehende Angriffe der Westallierten mit Kartoffelkäfern als Kampfmittel veranlassten Hitler 1942, jegliche deutsche Vorbereitungen zur aktiven biologischen Kriegführung zu verbieten.[1] Der Diktator ordnete aber verstärkte B-Schutzmaßnahmen an. Darüber wurde an anderer Stelle sehr ausführlich berichtet, auch darüber, dass und wie einige deutsche Militärs und Wissenschaftler versuchten, unter dem Deckmantel des B-Schutzes das Hitler-Verbot zu unterlaufen. Solche Aktivitäten blieben allerdings marginal und führten nicht zur Entwicklung von Biowaffen, geschweige denn zu deren Einsatz.


[1] Erhard Geißler, Hitler und die Biowaffen. LIT-Verlag Münster 1988.

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Prof.Dr.Erhard Geißler