Prof.Dr.rer.nat.habil.Erhard Geißler © MDC Foto David Ausserhofer
Prof.Dr.rer.nat.habil.Erhard Geißler© MDC Foto David Ausserhofer

Berlin-Bucher Beiträge zur Schaffung einer von Biowaffen freien Welt

Anlässlich des 100. Geburtstages von Klaus Fuchs diskutieren wir in diesem Band unter anderem auch über Motive, die Menschen bewegen, im Interesse der Menschheit Verant­wortung auf sich zu nehmen und zur Sicherung des Friedens beizutragen. Im Mittelpunkt stehen die internationalen Bemühungen um eine atomwaffenfreie Welt. Aber die anderen Massenvernichtungsmittel dürfen dabei nicht ausgeklammert werden und deshalb will ich hier einige Bemerkungen zu dem Thema „die DDR und die biologischen Waffen“ machen. Aus offizieller Sicht gibt es dazu Erinnerungen von zwei Abrüstern aus dem diplomatischen Dienst.[1] Mein Beitrag dagegen ist vor allem aus „grass root“-Perspektive entstanden.

Wie ich als Genetiker und Krebsforscher über­haupt dazu kam, mich gegen den militärischen Missbrauch meiner Dis­zi­plin und für Abrüstung einzusetzen ist an anderer Stelle ausführlich beschrieben.[2] Dabei ist auch erwähnt, dass ich diese zunächst außerhalb meiner eigent­lichen Dienstaufgaben betriebenen Aktivitäten im Gegen­satz zu Klaus Fuchs ziemlich offen entfalten konnte, obwohl ich dabei durch­­aus gelegentlich gegen den ostblockalen Mainstream schwamm. Meine Aktivitäten auf diesem Gebiet begannen in biowissenschaftlichen Instituten in Rostock und Berlin-Buch, also sozu­sagen in den „grass roots“, wurden später aber in einem „Basiskollektiv Friedens­forschung“ an der Akademie der Wissenschaften der DDR (AdW) sozusagen legalisiert. Sie konnten sogar mit Unterstützung durch die Volks­wagen­stiftung nach dem Beitritt der DDR zur BRD am Max-Delbrück-Centrum weitergeführt werden – auch darüber wird an anderer Stelle ausführlich berichtet.[3]

Nicht nur atomare und chemische, sondern auch einige biologische und Toxin-Kampfmittel (BW bzw. TW) sind Massenvernichtungswaffen: Werden Milzbrandsporen über einer Zehn-Millionen-Stadt versprüht, dann kann schon ein Kilogramm davon mehr als ein­hun­dert­­tausend Todesopfer zur Folge haben.[4] Allerdings gibt es einen gravierenden Unterschied zu anderen Massen­ver­nichtungs­mitteln: BTW sind keine eigens für kriegerische oder ter­ro­ris­tische Zwecke entwickelte Kampfmittel, sondern in der Natur vorkommende und artifiziell verbreitete Krankheits­erreger. BTW sind „dual-threat agents“ (DTAs), zwei­fach bedrohliche Agenzien. Das macht biologische Rüstungskontrolle einschließlich der Bemühungen zur Verhinderung bioterroristischer Anschläge sehr schwierig: DTAs müssen auch aus fried­lichen Gründen bearbeitet werden, vor allem wegen des Gesundheitsschutzes.

Allerdings galten BW wegen ihrer Bumerang-Wirkung – zumindest bis zur Einführung der mole­kularen Biotechnologien – als militärisch wenig geeignet. Abgesehen von Biosabo­tage­ak­tionen der Deutschen im Ersten Weltkrieg[5] kamen BTW deshalb nur von den Japanern im Zweiten Weltkrieg zur Anwendung, nicht jedoch auf dem europäischen Kriegsschauplatz[6].

Nach dem Krieg führten Deutschlands Kriegesgegner ihre BTW-Aktivitäten trotzdem weiter fort beziehungsweise nahmen sie wieder auf.[7]Deutschland war im Potsdamer Abkommen die Her­stel­lung von Kriegsmaterial verboten worden. Das schloss BTW natürlich ein. Aller­dings befasste man sich in der DDR wie in vielen anderen Staaten mit entspre­chenden Schutz­maß­nah­men, gab man sich doch davon überzeugt, 1950 von den USA mit Kartoffel­käfern angegriffen worden zu sein.[8] Das war aber eindeutig eine Desinformationskampagne.[9] Ihre Urheber sind bis heute unbekannt. Auch glaubte man[10], dass die USA im Koreakrieg biologische Kampfmittel eingesetzt hätten. Das war aber ganz offenbar das Produkt einer sowjetischen Desinformations­kampagne.[11]

Schließlich fürchtete man allen Ernstes, „dass die Westmächte nicht auf ihre Aggressions­basen in Deutschland ver­zichten wollen, sondern ihren Machtbereich sogar auch auf die Deutsche Demokra­ti­sche Republik ausdehnen möchten. Der offensichtliche Zusam­men­hang zwischen dieser Politik und den Atomkriegsvorbereitungen der NATO auf west­deutschem Boden zwingt uns, die Verteidigungsfähigkeit der Deutschen Demokratischen Republik zu erhöhen“.[12] Daraufhin wurden entsprechende Schutzmaßnahmen ergriffen, über die an anderer Stelle berichtet wird.[13]

Bis in die 1980er Jahre hinein fühlte sich die DDR-Führung nicht sicher vor Angriffen oder Anschlägen mit BTW, obwohl 1972 bzw. 1975 eine Konvention vereinbart und in Kraft gesetzt werden konnte, die Entwicklung, Herstellung, Lagerung und Weitergabe biologischer und Toxin-Waffen verbietet. Die DDR trat dieser Biowaffen-Konven­tion (BWC) bereits 1972 bei.

Trotzdem wurden die US-Imperialisten und auch ihre westdeutschen „Handlanger“ beschuldigt, vertragswidrig biologisch weiterzurüsten. Vielleicht wurde das Thema damals so ernst genommen, weil nicht nur die politische Großwetterlage wegen des drohenden Doppelbeschlusses der NATO sehr bedrohlich schien, sondern weil gerade zu dieser Zeit ein westdeutscher Mikrobiologe, Ehrenfried Petras, in die DDR übergesiedelt war und behauptete, in der BRD würde immer intensiver biologisch aufgerüstet.[14]

Selbst die Mitglieder der AdW glaubten das und erklärten, “dass in den letzten Jahren westdeutsche Regierungsstellen unter Bruch der nach dem 2. Welt­krieg für Deutschland getroffenen Regelungen ein ganzes System der Er­for­schung, Erprobung und Produktion von chemischen und biologischen Kampfstoffen etabliert haben”.[15] Keiner wusste damals, dass es sich hier um eine großflächig und weltweit be­trie­bene Desinformations­kam­pagne des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) handelte, mit der nicht nur außen- und innenpolitisch Stimmung gegen die BDR gemacht sondern auch der Rückruf des von einer Enttarnung bedrohten „Kundschafters“ Petras bemäntelt werden sollte.[16]

 

Grass roots-Interesse an biologische Waffen.

Petras’ Behauptungen haben meine Mitarbeiter und mich damals nicht beeindruckt. In der auf dem II. Kühlungs­borner Kolloquium vorgetragenen ML-Arbeit meines Doktoranden Horst Schlechte werden sie ignoriert.[17] Nachdem Petras sie auf der gleichen Tagung wiederholt hatte wurden sie von Konferenzteilnehmern angezweifelt und von Ernst-Ulrich von Weizsäcker explizit bestritten.[18] Als sich Petras’ daraufhin beim ZK beschwerte hatte das zunächst eine aufwendige Investigation zur Folge – mit dem Ergebnis, dass Petras seine Behaup­tungen fortan nicht mehr wiederholte.[19]

Ich war damals aus anderen Gründen auf BTW gestoßen und hatte gemeinsam mit dem Rostocker Philosophen Heinrich Vogel Herrn Schlechte 1969 mit einer ML-Arbeit zu diesem Thema beauftragt. Ab Mitte der 1960er Jahre verunsicherten von Journalisten aus dem Zusammenhang geris­sene Menschenzucht-Phantastereien einer hochrangig bestückten Ideenkonferenz über „Man and his Future“ die Öffentlichkeit.[20] In dadurch ausgelösten Diskussionen über die Gefahren der modernen Genetik kamen wir bald zu der Überzeugung, dass – abge­sehen von kriminellem Missbrauch und den Taten unethischer Nurwissen­schaftler, die aber in der Regel immer nur einzelne Betroffene in Mitleidenschaft ziehen würden – wirklich globale Gefahren allein vom militärischen Missbrauch der Mikrobengenetik und anderer molekularbiologischer Disziplinen herrühren würden. Wir schlossen uns daher in Kühlungsborn den weltweit vorgetragenen Forderungen zahlreicher Wissenschaftler nach einem Verbot der Entwicklung und Produktion von BTW an.

Tatsächlich erfolgte wenige Jahre darauf der Abschluß der Biowaffenkonvention (BWC). Das führte zunächst weltweit zu einer weitgehen­den Beruhigung: Erstmals war ein komplettes (Massenvernichtungs-)Waffensystem verboten worden, und das noch dazu mitten im Kalten Krieg. Allerdings wurden zur gleichen Zeit die Gen­tech­nik und weitere Methoden der molekularen Biotechnologie eingeführt, dual-use-Techno­lo­gien, die unter anderem auch zur Schärfung von BTW eingesetzt werden können. Darauf habe ich gelegentlich in Wort und Schrift hingewiesen.[21] Daraufhin wurde ich vom Stockholmer International Peace Research Institut (SIPRI) gefragt, ob ich für ihr Jahrbuch einen Beitrag über dieses Thema schreiben wolle. Seitens der Akademie und wohl anderer Behörden wurde dem stattgegeben und 1984 erschien mein entsprechender Beitrag.[22]

 

Ein Buch zur Stärkung der Biowaffenkonvention

Mein Jahrbuchkapitel stieß auf freundliches Interesse, sodass ich gebeten wurde, SIPRI künftig als Konsultant für BTW-Fragen zur Verfügung zu stehen. In diesem Zusammenhang reifte der Plan für eine größere Publikation über biologische Rüstungskontrolle, die das SIPRI anlässlich der für 1986 geplanten Zweiten Überprüfungskonferenz zur Biowaffen-Konvention herausgeben wollte.

Akademie- und Institutsleitung hatten keine Einwände, auch nicht der stellvertretende Leiter der Abteilung XII der Hauptverwaltung Aufklärung (HV A) des MfS, die Spionage im Bereich NATO und EG betrieb. Deren stellver­tretende Leiter befand: „Aus den bisherigen Erkenntnissen zur Person lassen sich keine Ablehnungs­gründe für den vorgesehenen Auslands­einsatz ableiten“.[23] Aber in Abteilung XIII der HV A, die „Aufklärung Grundlagen­forschung“ betrieb, sah man das anders. Sie erhob Einspruch weil sie fürchtete, „dass ihre op. Arbeit am SIPRI durch Aktivitäten von G. gestört wird“[24]: Die HV A hatte einen Maulwurf im SIPRI, vermutlich im Governing Board, und der hat in der Tat fleißig auch über mich und meine Aktivitäten an das MfS berichtet.[25]

Gegen meine Erarbeitung eines Buches über biologische Rüstungskontrolle gab es aber keine Einwände. Allerdings stieß ich bei meinen diesbezüglichen Bemühungen auch auf Widerstände. Beispielsweise war ich gebeten worden, am 20. März 1986 auf einer gemein­samen Sitzung der Klassen für Biologie und für Medi­zin der AdW über die völker­recht­liche Kontrolle der Biowaffen zu sprechen. Anschließend sollte eine Erklärung an­ge­nom­men werden, in der die Akademiemitglieder an die die bevorstehende Über­prüfungs­konferenz appelieren, die Konvention zu stärken. Im entsprechenden Entwurf hatte ich u.a. for­mu­liert, dass die Bio­technologien seit dem Inkraft­treten der BWC neuartige Möglichkeiten zur Ent­wicklung und Optimierung von biologischen und Toxin-Waffen ge­schaffen haben. Deshalb „rufen wir die Teilnehmer der zweiten Überprü­fungs­konferenz dazu auf […] sich darüber zu verständigen, dass in verein­bar­ten Erklärungen und Zusatzpro­to­kollen durch die wissen­schaftliche Ent­wicklung not­wendig gewordene Er­gän­­zun­gen der B-Waffen-Konvention vor­genommen werden. Insbe­son­dere sollten [...] Vor­kehrungen zur Verhinderung eines Miss­brauchs der Erlaubnis für friedliche Forschungen getroffen und Maß­nah­men zur Kontrolle der Einhaltung der Konvention beschlossen werden“.[26]

Vom Generalsekretär der AdW wurde der Entwurf ans Außenminis­terium (MfAA) weiter­ge­leitet. Dort wurden die Forderungen nach konkreten Maßnahmen zur Stärkung der Kon­ven­tion rund­weg abgelehnt, so dass nur eine kastrierte Erklärung vorgeschlagen, aber natürlich trotzdem dann angenommen wurde.[27] Immerhin monierte Fritz Jung in der Diskussion mit Recht: „Wieso sollen wir eine Entschließung verabschieden, die keine kon­kre­ten Vorschläge enthält“?

Ein leitender Mitarbeiter der AdW informierte in diesem Zusammenhang, “dass es zwischen Prof. Geißler und dem MfAA unterschiedliche Auffassungen gibt: MfAA ist aus praktisch-politischen Gründen der Meinung, dass konsequent eine Änderung der Konvention vermieden werden muss, da sonst auch der Gegner ‚Änderungen’, die uns nicht genehm sind, durchsetzen kann. Prof. Geißler ist der Auffassung, dass Änderungen zweck­mäßig seien.“[28] Vom Leiter der Abteilung UNO des MfAA Siegfried Zachmann wurde mir am 17. Juli 1986 erklärt, Forderungen nach einem Zusatzprotokoll seien abzulehnen, damit unsere Gegner – die immer wieder nach Verifikation rufen – keine Möglichkeit erhalten, die Konvention zu verwässern. Das war aber einer der wichtigsten Vorschläge der Autoren des von mir herausgegebenen SIPRI-Buches…

SIPRI sollte nicht vor den Kopf gestoßen werden

Im Sommer 1986 ergab es sich, dass ich gleich von zwei Seiten zur BWC-Überprüfungs­konferenz nach Genf delegiert werden sollte: SIPRI wollte, dass ich nicht nur mein Buch dort vorstelle sondern auch als Beobachter an der Tagung teilnehme. Und unser Außen­minis­terium suchte einen Experten für die DDR-Delegation.

Ein von der Gauck-Behörde anonymisierter leitender Mitarbeiter der AdW – vermutlich Dr. Günther Jahn, Leiter der Hauptabteilung Auswertung und Kontrolle – kommentierte wenig begeistert, in Beratungen sei man zu der Auffassung gekommen, „dass gar kein anderer Kader als Prof. Geißler zur Verfügung steht“. Die Bitte Blackabys sei „natürlich eine üble Sache, denn entweder Prof. Geißler vertritt SIPRI oder die DDR-Deleg­ation bzw. gehört ihr als Mitglied an. Beides geht nicht. […] Unser Freund kommt, weil unsere Kaderdecke so sehr dünn ist, immer mehr ins ‚Geschäft’. Man wird nicht umhin können, um SIPRI nicht vor den Kopf zu stoßen, seinen Wünschen nachzukommen. Prof. G. kann somit dem MfAA nur für Konsultationen, nicht aber offiziell als Experte während der Konferenz zur Verfügung stehen.[29] Aber im MfAA teilte man diese ablehnende Haltung nicht und forderte mich als Experte an.

Das gab mir die Möglichkeit, aktiv am Konferenz­verlauf teilzunehmen, in begrenztem Rahmen sogar gestaltend.[30] Auch den Beratungen durfte ich beiwohnen, die von den Vertretern der drei verschiedenen Staatengruppen regelmäßig abgehalten wurden. Auf einem dieser Treffen der Sozialisten wurden alle Anwesenden mit der Information völlig überrascht, der sowjetische Botschafter Victor L. Issraelyan werde in der nächsten Plenar­sitzung ein Zusatzprotokoll vorschlagen. Mit diesem ganz offenbar mit ihren Partnern zuvor nicht abge­spro­chenen Entschluss hatten die Sowjets eine totale Kehrtwende vollzogen. Bis zu diesem Tag war die Forderung von Verifi­ka­tionsmaßnahmen im ganzen Ostblock verpönt. Die Argumente gegen „staatlich sanktionierte Spionage“, wie die Sowjets die von Westen geforderten Maßnahmen zur Überprüfung der Vertragstreue bezeich­neten, waren plötzlich vom Tisch.

Tatsächlich erklärte Issraelyan am 15. September im Plenum, die Sowjetunion unterbreite „den formellen Vorschlag, ein Zusatz­pro­to­koll zur Biowaffen-Konven­tion auszu­arbeiten und vereinbaren, das Maßnahmen zur Stärkung des Systems zur Kontrolle der Einhaltung der Konvention enthalten sollte“.[31] Seine Delegation sei bereit, sich an den er­forderlichen Vorbereitungsarbeiten zu beteiligen. Alle westlichen und blockfreien Kon­fe­renz­teilnehmer waren total überrascht. Auf eine solche Situation waren sie ganz offensichtlich nicht vorbereitet.

Anstatt nun die sowjetische Delegation beim Wort zu nehmen und abzuklopfen, wie ernst dieser Vorschlag überhaupt gemeint sei (sehr ernst kann er, wie mir heute scheint, nicht gemeint gewesen sein, denn zu dieser Zeit lief das sowjetische Biowaffenprogramm gerade auf Hochtouren[32]) – war von Verifikation auf westlicher Seite kaum noch die Rede, während in den ersten Konferenztagen vom Botschafter der BRD und den Vertretern der anderen NATO-Staaten immer wieder erklärt worden war, der Haupt­mangel der Konvention sei „das Fehlen von Verifikationsmaßnahmen“.[33]

Bis heute ist mir schleierhaft, warum diese plötzliche totale Kehrtwende vollzogen worden war. Vielleicht haben unsere Argu­mente und Vorschläge zur Stärkung der BWC eine gewisse Rolle dabei gespielt, dann ich hatte Issraelyan schon im Juni 1986 auf seine Bitte hin die Druckfahnen unseres Buches an seine Privatadresse nach Genf geschickt.

Trotzdem kam es nicht zur Vereinbarung eines Zusatzprotokolls, wohl aber zur Verabredung einiger ver­trauensbildender Maßnahmen, die quer durch alle Lager gefordert worden waren. Zu deren Präzisierung sollte im Frühjahr 1987 ein Expertentreffen stattfinden.

 

Eine meiner schwerwiegendsten Entscheidungssituationen

Gleich nach der Überprüfungskonferenz wurde vom stell­ver­tre­tenden Außen­minister Peter Florin bei der AdW angefragt, ob ich auch an dem geplanten Exper­ten­treffen zur Ausar­beitung der vertrauensbildenden Maßnahmen aktiv teilnehmen und mich im vorhinein an der Ausarbeitung eines ent­spre­chenden Positionspapiers beteiligen könnte. Ich stimmte dem natürlich gern zu und wurde daraufhin vom beauftragt, mit einer Gruppe von mir auszu­wäh­lender Experten einen Entwurf für ein entsprechendes Dokument zu erarbeiten.

Auf meinen Vorschlag hin beschränkte sich die zeitweilige Arbeitsgruppe in ihrem Memorandum nicht nur auf die in Genf vereinbarten Punkte, sondern regte an, auf der Expertenkonferenz auch den Austausch von „Informationen über Entwicklung und Einsatz von Vakzinen“ auszu­tauschen.[34]

Am 12. März wurde unsere Stellungnahme verabschiedet und anschließend vom MfAA in eine inter­ministerielle Abstimmungsrunde gegeben. Zu dieser Runde gehörte das Minis­terium für Nationale Verteidigung. Das ließ dann unverzüglich, aber ohne Begründung mitteilen, dass man einem Informationsaustausch über Impfstoffent­wicklung und –einsatz nicht zustimmen könne. Daraufhin wurde diese Passage in unserem Entwurf gestrichen.

Für mich ergab sich damit eine der schwerwiegendsten Entscheidungs­situationen in meinem Leben: Einerseits war ich fest davon überzeugt, dass das Nichtverbot uneingeschränkter Impfstoffaktivitäten, vor allem vom Militär betriebene, die größte Schwachstelle bei der bio­logischen Rüstungskontrolle darstellt. Andererseits war ich als offizielles Delegationsmitglied natürlich an die Direktiven meiner Regierung gebunden. Sollte ich meinem Gewissen folgen und trotz des Verdikts der Armeeführung in Genf Berichte über Vakzine-Aktivitäten vor­schlagen (die ohnehin nicht auf der Agenda standen)?

Zu meiner überaus großen Erleichterung nahmen mir die Delegationen Irlands und Österreichs diese Gewissensentscheidung ab: Als beraten wurde, welche Detail­infor­ma­tionen in den Berichten über Hochsicherheits­labor­atorien gegeben werden sollten, schlugen sie am 10. April vor, über „die Entwicklung von Impfstoffen, anderen prophylaktischen Substanzen und weiteren Mitteln zum Schutz gegen Mikroorga­nis­men oder Toxine [zu informieren,] die im bakteriologischen (biologischen) Krieg eingesetzt werden können“. Sowohl die Amerikaner als auch die Sowjets waren dagegen – und ich sah mein Dilemma gelöst: Gegen die Groß­mächte anzustinken war es nicht wert, mir zu Hause Ärger einzuhandeln.

Wenige Wochen nach der Expertenkonferenz wurde Partei- und Staatsführung vom MfAA vorgeschlagen, sich am in Genf vereinbarten Informationsaustausch zu beteiligen. Am 17. September 1987 wurde das von den Sekretariaten des ZK und des Ministerrats bestätigt. Der Beschluss legte fest, dass die vereinbarten Informationen von einer Ständigen Arbeitsgruppe „Konvention über das Verbot biologischer Waffen“ zusammen­gestellt werden, die vom Gesundheitsminister geleitet wird. Seitens des Akademie-Präsidenten wurde ich als Vertreter der AdW in die Gruppe delegiert, die bald darauf wirksam wurde und die Berichterstattung organisierte.

 

Ein 1-Mann-Basiskollektiv für Friedensforschung

Mein zunehmendes Engagement im Bereich der biologischen Abrüstung ließ sich allerdings nicht mehr mit meinen bisherigen Arbeitsaufgaben als Leiter der Ab­teilung Virologie des Zentralinstituts für Molekularbiologie verbinden. Ich bemühte mich deshalb erfolgreich darum, die Leitung meiner Ab­teilung in jüngere Hände zu geben. Am 26. März 1987 wurde ich als Abteilungsleiter entpflichtet und kein knappes Jahr darauf vom Leiter des Forschungs­bereiches Biowissenschaften und Medizin zum „Leiter der Basis­gruppe Friedensforschung berufen“. Die Basisgruppe – die eigentlich nur aus mir bestand – sollte vor allem Studien ausarbeiten bzw. anregen, darunter auch eine zur Geschichte der B-Waffen.

In der neuen Funktion bemühte ich u.a. erneut darum, dass sich auch DDR-Wissenschaftler an der Unterschriftenaktion gegen den militärischen Missbrauch der Biowissenschaften beteiligen, die der US-ameri­ka­nische „Council of Responsible Genetics“ Anfang der 1980er Jahre weltweit gestartet hatte. Ich fand schon damals, dass wir nicht beiseite stehen dürften und schlug dem Akademie-Generalsekretär im November 1984 vor, uns an der internationalen Aktion zu beteiligen. Die – vermutlich „von oben“ vorgegebene – Antwort war negativ: Die DDR sei Partner­staat der Biowaffenkonvention und deshalb sei es nicht notwendig, dass unsere Wissenschaftler noch darüber hinaus eine entsprechende Erklärung abgeben.

Nun nahm ich einen neuen Anlauf und schrieb dem Vorsitzenden des DDR-Komitees für wissen­schaft­liche Fragen der Sicherung des Friedens und der Abrüstung Hermann Klare am 10. Januar 1989 und fragte an, ob nicht das Komitee – dem ich seit seiner Gründung ange­hörte – Träger einer derartigen Aktion sein könne. Die Unterschrif­ten­aktion könne auf der Grundlage eines Textes erfolgen, den ich in enger Anlehnung an das amerikanische Gelöb­nis formuliert hatte. Darin hieß es, dass sich die unterzeichnenden Biowissen­schaftler und Mediziner gegen jegliche Anwendung ihrer For­schungs­arbeiten für aggressive militärische Zwecke wenden und sich ver­pflich­ten, sich „in Forschung und Lehre nicht wis­sentlich an Aktivitäten zu beteiligen, die auf die Entwicklung biologischer und chemischer Waffen gerichtet sind, und uns bekannt gewordene Ver­suche zum militärischen Missbrauch biowissen­schaftlicher Forschungs­er­gebnisse öffentlich anzuprangern“. Die Aktion sollte im September 1989 mit einer repräsen­tativen Veranstaltung des DDR-Komitees in Berlin eröffnet und dann mit Veran­stal­tungen in Greifswald, Halle, Jena sowie weiteren Wissen­schaftsstandorten fortgeführt werden. Die Akademieleitung stimmte meinem Vorschlag zu und leitete ihn befürwortend ans MfAA weiter. Von dort erfolgte keine offizielle Reaktion mehr – die friedliche Revolution kam dazwischen…

 

Gentechnik-Richtlinie vervollständigt

Entsprechende Selbstverpflichtungen und ethische Codes sind natürlich eine Möglichkeit, den Missbrauch von Wissenschaft und Technik einzuschränken. Ihre Wirksamkeit lässt sich aber bezweifeln.[35] Eine anderer Weg, Missbrauchsmöglichkeiten zu ver­hindern oder zumindest zu minimieren sind gesetzliche Regeln und ähnliche Verein­barungen, also in unserem Zusammenhang die Sicherheitsrichtlinien zu gentechnischen Arbeiten.

Als 1988 damit begonnen wurde, die Gentechnik-Richt­linie der DDR zu überarbeiten, habe ich mich in der Gentechnikkommission und beim Gesundheitsminister persönlich dafür eingesetzt, dass dies in der Neuauflage entsprechend berücksichtigt wird. Die Mitglieder der Kommission schlossen sich vorbehaltlos meinem Vor­schlag an. Bis Juli 1989 war dann eine neue „An­ordnung über Sicherheit bei der Herstellung und Nutzung in-vitro-rekom­binierter Nuklein­säuren“ ausgearbeitet und von den ein­schlägig betroffenen Mini­sterien und anderen staatlichen Organen ge­billigt worden, bemerkenswerterweise auch von der Armeeführung.  

Sie unterschied sich von der bisherigen Richt­linie unter anderem dadurch, dass sie schon im Grundsatzartikel bestimmte: „Ar­beiten zur in-vitro-Rekom­bi­na­tion von gene­tischem Material, die der Erforschung, Ent­wicklung und/oder Pro­duk­tion biologischer Waffen und Toxin­waffen dienen, sind verboten“.[36] Zusätzlich dazu wurde festgelegt, dass Arbeiten, die der Schärfung von Biowaffen dienen könnten, nicht durchgeführt werden dürfen. Allerdings wurde auch die neue Anordnung im Er­gebnis der Wende nicht mehr in Kraft gesetzt sondern durch das westdeutsche Gen­tech­nikgesetz ersetzt.

 

Ein viel versprechendes internationales Impfstoffprojekt erweist sich als Totgeburt

Anfang 1989 durfte ich Einladungen der American Association for the Advancement of Sciences (AAAS) sowie der American Society for Biochemistry and Molecular Biology (ASBMB) folgen, an ihren Jahrestagungen in San Francisco teilzunehmen, in deren Rahmen jeweils auch Symposien zum Thema Biowaffen stattfanden. Meine Herkunft aus der DDR, verschaffte mir einige Medienpräsenz. So meldete die dpa unter anderem, ich hätte dafür plädiert, „die vertrauensbildenden Maßnahmen zu verstärken, um einen Rüstungswettlauf auf dem Gebiet dieser Waffen zu verhindern. Die biologische Forschung müsse trans­pa­ren­ter, der Austausch von Wissenschaftlern verstärkt werden. Geisslers Anwesenheit in San Francisco war ein gelungenes Beispiel für diese geforderte Offenheit: er war der erste DDR-Wissenschaftler, der als Referent an einer Tagung der renommierten amerikanischen Wissen­schaftsorganisa­tion AAAS teilnahm. […] In seinem Vortrag warnte Geissler vor den potentiellen Gefahren, die drohen, wenn sich das Militär die Fortschritte der Gentechnik zu nutzen mache. [...]So sollten Forscher und wissen­schaftliche Organisationen jede Mitarbeit an der Entwicklung von biologischen oder toxischen Angriffs­waffen ablehnen.“[37]

In den zahlreichen Diskussionen, die ich während meiner vierwöchigen Reise mit Bio­wissen­­schaftlern, Diplomaten und Militärs führen konnte, entwickelte sich eine Idee, wie man das Problem militärischer Vakzine­aktivitäten in den Griff bekommen könnte. In einem Hearing im Repräsentantenhaus artikulierte ich meine Besorgnis, „that vaccine development and/or vaccination programmes are not only motivated by defensive considerations but designed to acquire a biological first-strike capability. It is therefore recommended that the States Parties [to the Biological and Toxin Weapons Convention] provide information on their programmes for the development and use of vaccines”.[38]Ausführlicher ging ich darauf vorm NGO-Komi­tee für Abrüstung im Hauptgebäude der UNO ein. Ich schlug vor, alle, auch militärische, Vak­zine-Aktivitäten transparent unter dem Dach der WHO zu betreiben.[39] Diese Idee entwickelte ich dann 1991 auf der 3. Überprüfungs­konferenz vor den Delega­tionen der Nichtpakt­ge­bun­denen Staaten weiter, bis sie schließlich in meinem, von der Volks­wagen-Stiftung geför­der­ten, am MDC erarbeiteten Projekt „Vaccines for Peace“ kulminierte. Dazu weiter unten mehr.

 

1990er Kühlungsborner Ost-West-Dialog noch mit Genehmigung vom ZK

Während meiner 1989er USA-Reise hatte ich auch Gelegenheit, Gespräche mit mehreren Experten zu führen, die wir zu unserem nächsten Kühlungsborner Kolloquium einladen wollten. Da diese Tagung etwa ein Jahr vor der für 1991 vorgesehenen Über­prüfungs­konferenz zur BWC stattfinden sollte, hatte ich den für unsere Verhältnisse doch etwas verwegenen Plan, Experten aus Ost und West an einen Tisch zu bitten, die frei von regierungsamt­lichen Direktiven über „Biological Weapons and the Responsibility of Scientists“ diskutieren. Von keiner Seite gab es dezidierte Einwände, und am 22. Mai 1989 genehmigte das Sekretariat des ZK der SED die Durchführung des für den Herbst 1990 vorgesehenen Kolloquiums.[40]

Aber dann kam die Wende und die Tagungsvorbereitungen wären fast gescheitert, wenn nicht in letzter Minute die Volkswagen-Stiftung eingesprungen wäre und 50.000 DM zur Verfügung gestellt hätte. Das Kolloquium wurde gerettet, und wurde ein voller Erfolg. Meines Wissens war es die letzte wissenschaftspolitische Konferenz, die in der DDR statt­fand, und zwar völlig mit hervorragenden Ergebnissen. Im Hinblick auf die bevorstehende Überprü­fungs­konferenz erwies sich als besonders fruchtbar, dass unseren Intentionen entsprechend tatsächlich zwischen Vertretern der Großmächte ein direkter Meinungsaus­tausch zu den besonders gravierenden Problemen der biologischen Rüstungskontrolle und Möglichkeiten zu ihrer Überwachung stattfand, und dass die Ergebnisse noch rechtzeitig vor der Konferenz dokumentiert und allen Partnerstaaten der BWC zur Verfügung gestellt werden konnten.[41]

 

Vakzineaktivitäten auch nach Ende der Blockkonfrontation nicht transparent

Auch auf dem XII. Kühlungsborner Kolloquium regte ich an, alle Arbeiten zur Entwicklung, Herstellung und Anwendung von Impfstoffen gegen potentielle BW- und TW-Agenzien zu internationalisieren. Da wir die Aktivitäten des Basiskollektivs Friedensforschung nach dem Beitritt der DDR zur Bundes­republik am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin, der Nachfolgeeinrichtung der Akademieinstitute in Berlin-Buch, mit kräftiger Unterstützung durch die Volkswagen-Stiftung inhaltlich unverändert und beträchtlich erweitert fortführen konnten, konzentrierten wir uns anderem auf eine Umsetzung dieser Idee in eine praktisch rea­li­sierbare Form. So entstand das Projekt „Vaccines for Peace“:[42] Impfstoffe gegen „dual-threat agents“ (DTAs) sollten künftig nur noch in völliger Trans­parenz entwickelt und ein­gesetzt werden. Dazu sollten in einigen weltweit verstreuten Forschungs- und Produk­tions­anlagen Mitarbeiter aus den Partnerstaaten der Biowaffenkonvention gemeinsam arbeiten, und die auf diese Weise entwickelten Impfstoffe sollten weltweit zum Einsatz gegen natürliche oder durch kriegerische Akte beziehungsweise bioterroristische Aktionen zum Selbstkostenpreis zur Verfügung gestellt werden. Gleichzeitig wäre dadurch ein substan­tieller Beitrag zur Implementierung von Kapitel X der BWC geleistet worden, der eine firedliche Kooperation auf diesem Gebiet vorschreibt, was bisher aber nur sehr unbefriedigend realisiert wurde.

Ein erster Entwurf des Vorschlags[43] wurde auf der 3. Überprüfungskonferenz vor allem von den Delegierten der Blockfreien Staaten begrüßt, sodass die Idee dann sogar ins Schluss­dokument der Tagung aufgenommen wurde.[44] Aber als wir uns anschließend intensiv darum bemühten, im In- und Ausland für die praktische Umsetzung des Pro­jek­tes zu werben, stießen wir zunehmend auf Widerstand.[45] Spätestens als der Vor­schlag 1992 auf dem XIII. Kühlungsborner Kolloquium von einem internationalen Ex­per­tenkreis intensiv erörtert wurde,[46] zeigte sich, dass er für die NATO-Staaten nicht ak­zeptabel war, vor allem mit dem – für das Gebiet der biologischen Kriegsführung und des Bioterrorismus eigentlich schwachsinnigen – Argument, dadurch würde das nationale Recht auf Selbstverteidigung eingeschränkt.[47]

So kam es, dass das Projekt auf drei Kühlungsborner Kolloquien, die nach der Wende auf der Insel Vilm durchgeführt wurden, buchstäblich entwaffnet und in ein unverbindliches Vor­haben zur Bekämpfung von emerging diseases umgewandelt wurde.[48] Das garantierte dann weiter die Intransparenz entsprechender militärischer Vorhaben und war also nicht mehr im Sinne des Erfinders. Enttäuscht habe ich das Vorhaben aufgegeben und mich stattdessen auf die Geschichte der BTW konzentriert.

 

Wird die biologische Bedrohung überschätzt?

Gemeinsam mit einem amerikanischen Historiker organisierte ich eine verglei­chende inte­nationale Studie über die Geschichte der BTW bis 1945, deren Ergebnisse zunächst auf einem weiteren Küh­lungs­borner Kolloquium, dem XV., diskutiert und dann in einem SIPRI-Buch veröffentlicht wurden.[49] Unsere wichtigste Erkenntnis war: Nachdem der deut­sche militä­ri­sche Geheimdienst 1915-1917 erstmals Milzbrand- und Rotzerreger für Biosabotage­ak­tionen ein­ge­setzt hatte, „brachte eine verhängnisvolle Mischung von strategischen Fehl­ein­schätzungen, Falschinformationen, fehlenden korrekten Erkenntnissen, unbe­grün­deten Befürchtungen und Verdächtigungen sowie von Falschaussagen aller Art eine biologische Rüstungsspirale immer mehr in Fahrt“.[50] Tragischerweise wurde ein Kampf gegen Wind­mühlenflügel geführt, vorläufig endend in einem allseits blutigen Krieg gegen den Irak, der wegen angeblicher Biowaffen begonnen wurde, die sich letztlich als „Massenverschwin­dungs­waffen“ erwiesen.[51]

Tatsächlich stellen BTW zumindest seit Einführung der Biowaffenkonvention, trotz Verfüg­bar­keit der molekularen Biotechnologie, keine gravierende Bedrohung dar: Seit Anfang der 1970er Jahre wurden 73 Menschen durch solche Kampfmittel umgebracht, also etwas mehr als zwei pro Jahr! Und in keinem Fall waren gentechnisch mani­pulierte Erreger oder Toxine die Verursacher.[52] Offenbar erweist sich die BWC trotz aller Schwachstellen doch als wirksames Rüstungsbegrenzungsinstrument und offenbar haben weder Militärs noch Terroristen (bisher) trotz der Möglichkeiten der molekularen Biotechnologien zur Schärfung von BTW auf die biologische Karte gesetzt. Unverantwortlicher Weise wurde AIDS in direktem Zusammenhang mit gentechnischen Arbeiten zur Entwicklung biologischer Waffen gebracht, vor allem von unserem Ostberliner Kollegen Jakob Segal.[53]

Inzwischen ist zwar nun vielfältig durch molekulare Stammbaumanalysen und epidemi­o­lo­gisch bewiesen, dass die AIDS-Erreger direkt von Affenviren abstammen, die um 1900 in die menschliche Population übergetreten sind, aber der Mythos von der gentechnischen HIV-Konstruktion wabert weiter und wurde nach der Wende Objekt einer neuerlichen weltweiten Desinformationkampagne: Der Mythos sei seinerzeit von der für Desinformation und andere „aktive Maßnahmen“ verantwortlichen Abteilung X der HV A des MfS in enger Zusammen­ar­beit mit dem KGB erdacht und weltweit verbreitet worden. Die bar jeden Beweises vorge­tragene Behauptung ehemaliger Stasi-Offiziere klang so überzeugend, dass sie sogar von einem promovierten Historiker, Mitarbeiter des Washingtoner Spionage-Museums, in einer von der CIA herausgegebenen Zeitschrift kolportiert wurde.[54] Zwar ist nicht auszuschließen, dass der KGB tatsächlich seine Hand im Spiel hatte, aber ähnliche Mythen sind etwa zur gleichen Zeit – 1985 – auch andernorts entstanden, unter anderem auch in den USA selbst. Belegt werden kann aber, dass das MfS weder für die Erfindung noch für die Verbreitung der vor allem von Segal kolportieren Behauptungen über die Herkunft des AIDS-Virus verant­wort­lich gemacht werden kann: Tatsächlich erfuhr man in der Normannenstraße von Segals Behauptungen erst aus der Zeitung![55]

 

[1] W. Krutzsch und H. Thielicke, dieser Band.

[2] E. Geißler, Drosophila oder die Versuchung. Ein Genetiker der DDR gegen Krebs und Biowaffen. Berliner Wissenschafts-Verlag, 2010, 193-214, 225-242, 261-304.

[3] Geißler, 2010, 305-362 .

[4] L. M. Wein, D. L. Craft, and E. H. Kaplan, „Emergency response to an anthrax attack“, Proc.Nat.Acad.Sci. USA, 100, 4346-4351 (2003).

[5] E. Geißler, "Anwendung von Seuchenmitteln gegen Menschen nicht erwünscht". Dokumente zum Einsatz biologischer Kampfmittel im Ersten Weltkrieg. Militärgeschichtliche Mitteilungen 56, 107-55, 1997.

[6] E. Geissler and J. E. van Courtland Moon (eds.), Biological and Toxin Weapons: Research, Development and Use from the Middle Ages to 1945. Oxford University Press, Oxford, 1999.

[7] M. Wheelis, L. Rózsa and M. Dando (eds.), Deadly Cultures. Biological Weapons since 1945. Harvard University Press, Cambridge, 2006.

[8] H. Knobloch, Der bakteriologische Krieg, Berlin, 1955.

[9] E.Geissler, „Kartoffelkäfer als dual-threat agents“, in: E. Höxtermann, J. Kaasch, M. Kaasch, R. K. Kinzel­bach (Hg.), Verhandlungen zur Geschichte und Theorie der Biologie, 5, Berlin 2000, 209-237

[10] R. Havemann, „Das Verbrechen des bakteriologischen Krieges“, Wissenschaft und Fortschritt 2/1952, 97-98. – R. Keil, „Der biologische Krieg“, Urania 16, 1, 1-10, 1953.

[11] M. Leitenberg, The Korean War. Biological Warfare Allegations Resolved. Center for Pacific Asia Studies at Stockholm University, Stockholm, 1998.

[12] Rathmann, „Die gegenwärtigen Haupt­auf­gaben beim Aufbau des Luftschutzes der DDR“, Luftschutz. Mitteilungsblatt des Ministeriums des Inneren, Nr. 1/1959, 1-3. Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde [BAL] DQ1 Band 5680.

[13] E. Geißler, „Die Rolle deutscher Biowaffenexperten in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. In: S. Oehler-Klein und V. Roelcke (Hg.) 2007: Vergangenheitspolitik in der universitären Medizin nach 1945. Franz Steiner Verlag Stuttgart, 97-120

[14] Ministerium für auswärtige Angelegenheiten der DDR (Hrsg.), Dr. Petras schlägt Alarm. Dresden 1968.

[15] „Aufruf des Plenums der Deutschen Akademie der Wissenschaften, 4.9.1969“. Jahrbuch der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Berlin 1969, 119.

[16] E. Geißler, „Biowaffen für die Bundeswehr?“ Zeitschrift des Forschungsverbundes SED-Staat Nr. 18, 72-103, 2005.

[17] H. Schlechte, „Probleme der biologischen Kriegführung“, in E. Geissler und H. Ley (Hrsg.): Philosophische und ethische Probleme der modernen Genetik. II. Kühlungsborner Kolloquium. Akade­mie-Verlag Berlin, 1972, 124-131.

[18] E. von Weizsäcker, Diskussionsbemerkungen, in: Geissler und Ley, 135-137, 141-143.

[19] Geissler 2010, 123-124

[20] E. Geissler, "Genetik zwischen Angst und Hoffnung, ethischen, ideologischen und ökonomischen Zwängen". In E. P. Fischer und E. Geissler (Hrsg): Wieviel Genetik braucht der Mensch? Universitätsverlag Konstanz 1994, 43-74.

[21] E. Geißler, „Genetic engineering und die Gefahren des Einsatzes biologischer Waffen“. Wissenschaftl. Welt 27, Nr. 3, 7-11 (1983).

[22] E. Geissler, “Implications of genetic engineering for chemical and biological warfare”. SIPRI Yearbook 1984, Taylor & Francis, London and Philadelphia, 421-454.

[23] Oberstleutnant Kutta an Oberstleutnant Neuß, HA XVIII/5. 13.9.1984. BStU MfS AP 48587/92, S. 58.

[24] Unleserlich, HA XVIII/5, [Protokoll einer Beratung beim Generalsekretär der Akademie der Wissen­schaften der DDR], 12.12.1984. BStU MfS AP 48587/92, 348-349.

[25] Geißler, 2010, 211-212.

[26] E. Geißler, Entwurf einer Erklärung der Klassen Biowissenschaften und Medizin der AdW. Anfang März 1986. Unveröffentlicht. Archiv der BBAdW, Vorlass Erhard Geißler, Nr. 7.2.

[27] „Erklärung der Klassen Biowissenschaften und Medizin der Akademie der Wissenschaften der DDR zur Konvention über das Verbot der Entwicklung, Herstellung und Lagerung von biologischen und Toxin-Waffen sowie über deren Vernichtung“. 20. März 1986. Archiv der BBAdW, Vorlass Erhard Geißler, Nr. 7.2.

[28] Von BStU geschwärzter Schreiber [vermutlich Günther Jahn], „Notiz für ▬.“ 10.6.1986. BStU MfS AP 48587/92, S. 517-518.

[29] ebenda.

[30] Geißler 2010, 261-272

[31] V. L. Issraelyan, “Statement”, 15 September 1986. [Von der sowjetischen Delegation während der Kon­fe­renz verteilter Redetext.] Archiv der BBAdW, Vorlass Erhard Geißler, Nr. 8.3. Gekürzt in: Second Review Conference of the Parties to the Convention on the Prohibition of the Development, Pro­duc­tion and Stockpiling of Bacteriological (Biological) and Toxin Weapons and on their Destruction. Final Document. BWC/CONF.III/23. Geneva, 1992, SR.7, 13-14.

[32] J. Hart, “The Soviet Biological Weapons Program”, in Wheelis, Rósza and Dando, 132-156.

[33] P.J. von Stülpnagel, „Statement“, 9. September 1986. [Von der Delegation der BRD während der Konferenz verteilter Redetext.] Archiv der BBAdW, Vorlass Erhard Geißler, Nr. 8.3] Gekürzt in: Second Review Conference …. SR.3, 5.

[34] H. Bochow et al., Vorstellungen zur Vorbereitung des Expertenmeetings zur Konvention über biologische Waffen”. 12.3.1987. Unveröffentlicht. Archiv der BBAdW, Vorlass Erhard Geißler, Nr. 8.4

[35] E. Geissler, „Für und Wider eines ethischen Codes für Wissenschaftler“. Bulletin des DDR-Komitees für wissenschaftliche Fragen der Sicherung des Friedens und der Abrüstung bei der Akademie der Wissenschaften der DDR, Nr. 2, 18-21 (1989).

[36] „Anordnung über Sicherheit bei der Herstellung und Nutzung in-vitro-rekombinierter Nukleinsäuren“. [2. überarbeitete Fassung] Entwurf. 26. Juli 1989. Unveröffentlicht. Archiv der BBAdW, Vorlass Erhard Geißler, Nr., 14.1.

[37] dpa, San Francisco, “altes geruecht um aids-virus ein ‘unappetitlicher politthriller“. 17 Januar 1989. Geißler 2003, 249-250.

[38] E. Geissler, „How to prevent a biological and toxin arms race“. Invited paper, presented to the House of Representatives Foreign Affairs Committee staff, Washington, DC, 6 February 1989. Unveröffentlicht. Archiv der BBAdW, Vorlass Erhard Geißler, Nr., 2.2.

[39] E. Geissler, Biological and Toxin Weapons: The Renewed Threat. NGO Committee on Disarmament Forum at the UN, 2 February 1989. Transcript, 7-8. Archiv der BBAdW, Vorlass Erhard Geißler, Nr. 2.1. – E. Geissler, “The international control of biological weapons” (interview). geneWATCH 6, no. 1 (1989), 1-4

[40] ZK, Beschluß Nummer 03 1./843 56/89 über das XII. Kühlungsborner Kolloquium „Biologische Waffen und die Verantwortung des Wissenschaftlers“.

[41] E. Geissler and R.H. Haynes (eds.): Prevention of a Bio­­­logical and Toxin Arms Race and the Responsibility of Scien­tists, Akademie Verlag, Berlin 1991.

[42] E. Geissler, “Vaccines for Peace: An international program of development and use of vaccines against dual-threat agents”. Politics and the Life Sciences, 11, no. 2, 231-243 (1992)

[43] E. Geissler, “Strengthening the BW Convention by An International Vaccine Program”. Nonpaper to be discussed with delegates from the developing countries on the occasion of the Third Review Con­fer­ence. 11 September 1991. Unveröffentlicht. Archiv der BBAdW, Vorlass Erhard Geißler, Nr. 8.3.

[44] Third Review Conference of the Parties to the Convention on the Prohibition of the Development, Pro­duc­tion and Stockpiling of Bacteriological (Biological) and Toxin Weapons and on their Destruction. Final Document. BWC/CONF.III/23. Geneva, 1992, 23.

[45] E. Geissler: “Vaccines for Peace: A response to commen­taries”. Politics and the Life Sciences, 12, 93-97 (1993).

[46] E. Geissler and J. P. Woodall (eds.): Control of Dual-Threat Agents: The Vaccines for Peace Programme. Oxford University Press, 1994.

[47] F. Calderón et al. “Biesenthal Consensus: Biesenthal Vaccine Initiative (Vaccines for Peace)”. Politics and the Life Sciences, vol. 12, pp. 101-103, 1983.

[48] E. Geissler and G. Pearson, “Growing support for ProCEID”. ASA NEWSLETTER 95-4, 1, 14 (1995).

[49] E. Geissler and J. E. van Courtland Moon (edts.), Biological and Toxin Weapons Research, Development and Use from the Middle Ages to 1945. Oxford University Press 1999.

[50] Geißler 2003, 18.

[51] M. Duffy: „Weapons of Mass Disappearance“, Time, 9 June, 18-23 (2003).

[52] E. Geissler, „Reflections on BTWC negotiations and early Review Conferences“. In: E.Geissler, N.A. Sims and J. Borrie 2005,30 Years of the BTWC: Looking Back, Looking Forward. Bioweapons Prevention Project, Occasional Papers Nr. 2, 5-15.

[53] E. Geißler: „AIDS-Erreger aus dem Militärlabor – Ignoranz oder bewusste Desinformation?“ In: M. Kaasch und J. Kaasch (Hrsg.): Biologie im Spannungsfeld von Natur­philo­so­phie und Darwinismus. Berlin: Verlag für Wissenschaft und Bildung 2009, 489-506.

[54] T.Boghardt, „Operation INFEKTION. Soviet bloc intelligence and its AIDS disinformation campaign”. Studies in Intelligence, 53 (4); 1-24, 2009.

[55] E. Geissler and R.H. Sprinkle, „Disinformation squared. Who made the HIV-from-Fort-Detrick myth?” Politics and the Life Sciences 2012 (im Druck).

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