Prof.Dr.rer.nat.habil.Erhard Geißler © MDC Foto David Ausserhofer
Prof.Dr.rer.nat.habil.Erhard Geißler© MDC Foto David Ausserhofer

Die unbegründete Rüstungsspirale

Tatsächlich ergibt eine Analyse der Geschichte der Biowaffen im zwanzigsten Jahrhundert, dass die biologische Aufrüstung
im Wesentlichen von Geheimdiensten eingeleitet und dann mehr und mehr forciert wurde. Angeschoben wurde sie bereits im Frühsommer 1915 vom deutschen militärischen Nachrichten-dienst, der Milzbrandbakterien und andere Krankheits
erreger in Biosabotageaktionen einsetzte.

Und dann brachte eine verhängnisvolle Mischung von strate-gischen Fehleinschätzungen, Falschinformationen, fehlenden korrekten Erkenntnissen, unbegründeten Befürchtungen und Verdächtigungen sowie von Falsch-aussagen aller Art eine biologische Rüstungsspirale immer mehr in Fahrt —  bis zur Entwicklung und Munitionierung von Milzbrand-Erregern in den Biowaffenlabors der Sowjetunion, des Irak und auch der USA. Mit Erregern aus  solchen Programmen haben dann 85 Jahre nach den Aktionen des deutschen Geheimdienstes Brief­bomben-Attentäter fünf Menschen umgebracht, sehr viel Hysterie erzeugt und einen weltweiten Feldzug gegen den Bioterrorismus ausgelöst, in dem wieder die Nachrichtendienste eine dominierende Rolle spielen.

Gelegentlich haben die Geheimdienste auch Sand ins Getriebe dieser Spirale geschüttet — in der Sowjetunion beispielsweise, als Falsch­infor­mationen des NKWD Stalin zuerst 1930 und dann erneut 1937–39 veranlassten, die führenden Köpfe des sowjetischen Biowaffen­programms
mindestens ins Lager sperren und zum Teil sogar umbringen zu lassen, und in Deutschland, wo eine Falschmeldung der „Abwehr“ Hitler 1942 dazu brachte, alle Vorbereitungen zur biologischen Kriegs­führung zu verbieten. Dies sind bizarre
Nuancen in der Geschichte der Wechselverhältnisse von Geheimdienstaktivitäten und biologischer Aufrüstung. Sie klingen wie schwarzer Humor, dürften aber wesentlich dazu
beigetragen haben, dass es im Zweiten Weltkrieg in Europa nur höchst marginal — bei einigen wenigen Attentaten und Sabotage­aktionen — zum Einsatz biologischer Kampfmittel
kam.

Mit der biologischen Aufrüstung im zwanzigsten Jahrhundert und der Rolle, die Nachrichtendienste, Emigranten und Dissidenten dabei spielten, beschäftigt sich dieses Buch. Es beruht auf fast zwei jahr­zehnte­langen Erfahrungen des Autors auf dem Gebiet der biologischen Rüstungskontrolle sowie
auf mehrjährigen historischen Studien, die er gemeinsam mit dem amerikanischen Historiker John Ellis van Courtland Moon und einem internationalen Expertenteam betrieben hat.

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