Prof.Dr.rer.nat.habil.Erhard Geißler © MDC Foto David Ausserhofer
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Zum Oktober 2015:

30 Jahre AIDS-Lüge

 

Vor drei Jahrzehnten, am 30. Oktober 1985, veröffentlicht die weltweit mit großem Interesse beachtete sowjetische  Literaturnaya Gazeta einen längeren Artikel über „Panik im Westen oder was hinter der Sensation um AIDS steckt?“ Darin wurde das Pentagon beschuldigt, für den Ausbruch der neuen Seuche verantwortlich zu sein. Bei der Suche nach bisher unbekannten, als biologische Kampfmittel  geeigneten Krankheitserregern seien von der US Army ausgesandte Forscher in Afrika (oder Südamerika) auf ein neuartiges Virus gestoßen. Das sei in amerikanischen Instituten, darunter in dem Biowaffen-Institut der US-Armee Fort Detrick, vermehrt und untersucht worden. Dabei sei es irgendwie freigekommen und habe sich als Verursacher von AIDS erwiesen.

Nicht nur in Washington wurde sofort vermutet, hinter dieser „AIDS-Lüge“ stecke der sowjetische Geheimdienst KGB. Tatsächlich konnte der Heidelberger Politologe Christopher Nehring unlängst im Archiv des ehemaligen bulgarischen Geheimdienstes in Sofia ein am 7. September 1985 vom KGB verfaßtes Dokument entdecken,  das die Verantwortung des KGB für die weltweite Desinformationskampagne beweist.

Diese Aktion hatte zur Folge, daß sich das sowjetisch-amerikanische Klima weiter ver­schlechterte. US-Diplomaten protestierten in Moskau, und schließlich  beschwerte sich sogar Außenminister George P. Shultz bei Generalsekretär Michail Gorbat­schow bei ihrem historischen Treffen am 23. Oktober 1987. Das zeigte Wirkung, denn die Sowjets wollten den beginnenden Entspannungs- und Abrüstungsprozeß nicht weiter gefährden. Die entsprechenden Aktivitäten des KGB wurden darauf­hin eingestellt – nicht aber die Desinformationskampagne.

Die wurde nun von Ostberlin aus betrieben. Nicht von Politbüromitglied Hermann Axen und/oder dem Ministerium für Staatssicherheit, wie kürzlich in einer Broschüre der Stasiunterlagenbehörde von Douglas Selvage und Christopher Nehring fälschlicherweise behauptet wird, sondern von dem phantasiebegabten Biologieprofessor Jakob Segal und seiner Ehefrau Lilli.

Sowjetbürger und KPdSU-Mitglied Segal, der Ende 1952 „auf Empfehlung“ der Moskauer Regierung von Frankreich in die DDR übergesiedelt war,  hatte eine sprühende Phantasie. Eloquent und unerschütterlich vertrat er seine – oft vom Mainstream der internationalen Wissenschaft abweichende – Vorstellungen. Daß fast alle Experten anderer Meinung waren, ließ ihn kalt. „Wissen Sie“, sagte er zu Monika Maron, die ihn 1974 für die Wochenpost dazu befragte, „man muß da schon einen gewissen Hochmut haben und sich sagen: Erstens: Ich habe recht. Zweitens; Ich habe sieben Nobelpreisträger gegen mich, trotzdem habe ich recht. Drittens: Die anderen irren sich. Es kann zweihundert Jahre dauern, ehe sie das verstehen, aber ich habe recht.“ Sein Maß an Selbstüberschätzung war nicht zu toppen: 1988 erklärte er in einem Interview mit einer österreichischen Zeitschrift: „Ich könnte selbst, im wahrsten Sinne des Wortes: eigenhändig, das AIDS-Virus … innerhalb von wenigen Wochen herstellen“. Zu dieser Zeit war Segal nämlich auf ein neues Objekt seiner Begierde gestoßen: Die Herkunft des AIDS-Erregers. 

Zufall oder nicht – am 3. Oktober 1985, also einige Tage bevor die KGB-Aktion mit dem Artikel in Literaturnaya Gazeta gestartet wurde, erwähnte Segal in einem Brief, seine Frau und er seien an der Frage der Herkunft des AIDS-Erregers „stark interessiert, weil Verdachts­momente bestehen, wonach die AIDS im USA Forschungszentrum für biologische Kriegsführung Fort Detrick durch Genmanipulation entstand“. Er wolle in die Diskussion dazu einsteigen. Und das betrieb er mit großem Elan.

Schon zwei Monate später wandte er sich an den renommierten Kölner Molekular-Genetiker Benno Müller-Hill und stellte dem in einer sich über drei Monate hinziehenden Korrespondenz seine Überlegungen über die Herkunft des AIDS-Erregers vor. Dabei erwähnte er auch den Artikel in Literaturnaya Gazeta – vertrat aber eine signifikant andere Grundthese: Nicht aus Afrika stamme der Erreger, eine solche Meinung sei als rassistisch zu verurteilen. Vielmehr sei das Virus durch künstlich in Fort Detrick geschaffen worden, und zwar durch Genmanipulation. Müller-Hill bezweifelte das und meinte schließlich im letzten diesbezüglichen Schreiben am 2. April 1986: „Gerade weil das von ihnen vermutete (nicht bewiesene) Verbrechen so groß ist, ist es meiner Ansicht nach unverantwortlich … damit an die Öffentlichkeit zu gehen“.

Segal erwies sich wieder als völlig beratungsresistent und suchte doch die Öffentlichkeit. Dafür erbat er sogar die Unterstützung der SED-Führung und wandte sich an Politbüromitglied Hermann Axen (dessen Tochter Doktorandin Segals war). Aber Axen fand Segals Vorstellungen irritierend und Kurt Hager entschied, Segals Behauptungen seien nicht bewiesen und dürften zumindest in der DDR nicht verbreitet werden.

Bezüglich entsprechender Versuche, im Westen zu publizieren, waren die Hände der Parteiführung allerdings gebunden. Segal war ja Sowjetbürger. Schon im März bot er dem führenden Frankfurter Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch einen Beitrag für dessen (dann 1987 erschienenes) Buch  AIDS als Risiko an, aber der lehnte ab.  Erfolgreich war dann sein Versuch, mit seiner Hypothese in Afrika antiamerikanische Stimmung zu erzeugen. Ende August 1986  erschien in Harare, Simbabwe am Rande einer Gipfel­konferenz der Blockfreien Staaten – eine hektographierte Broschüre mit dem reißerischen Titel AIDS: USA–home made evil; NOT imported from AFRICA. Sie enthielt die Kopie eines maschinege­schrie­benen Manuskriptes der Segals. Bei der Kopiervorlage handelte es sich mit großer Wahr­scheinlichkeit um ein Manuskript, das Segal mit der Bitte um Weiterverbreitung im Juni 1986 einem ihn bekannten afrikanischen Soziologen übersandt hatte.

Weltweit war man aufgeregt, und in Washington war man empört. Zwar scheinen die Amerikaner kein Exemplar der Broschüre in die Hände bekommen haben. Die war vermutlich nur in geringer Stückzahl aufgelegt worden – heute ist lediglich die Existenz eines einzigen Exemplars bekannt, das der in der Stasi-Unterlagenbehörde tätige amerikanische Historiker Douglas Selvage erst vor zwei Jahren in den USA in einem Antiquariat auftreiben konnte. Deshalb besorgten  sich die USA die Segalsche Veröffentlichung damals über in ihrer Ostberliner Botschaft tätige Diplomaten direkt von den Segals. Der Text gerierte sich auf den ersten Blick als offenbar solide wissenschaftliche Analyse – überzeugender als der letztlich auf einem angeblich anonymen Leserbrief basierender Artikel in der Literaturnaya Gazeta. Fortan war man im State Department überzeugt davon, daß Segal – immerhin Biologieprofessor – der wissenschaftliche Experte war, der hinter der KGB-Kampagne stand.

Tatsäch hießt es aber in einem weiteren diesbezüglichen Dokument des KGB unmißverständlich, daß Segals Veröffent­lichungen (das Harare-Manuskript sowie ein Interview, das er dem Londoner Sunday Express gegeben hatte) „unabhängig von unseren Bemühungen“ entstanden sind.

Daß Segal unabhängig vom KGB agiert haben dürfte ergibt sich auch daraus, daß der seine Desinformationskampagne auch nach dem Treffen Gorbatschows mit Shultz nicht nur nicht einstellte sondern eher intensivierte. Normalerweise hätten in Moskau getroffene Entscheidungen ja auch in den Vasallenstaaten über­nommen und befolgt werden müssen. Also protestierten die USA auch im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten in Ostberlin.  Zwischen den Jahren, also zu einer auch in der internationalen Diplomatie beachteten Phase aufs Minimum heruntergefahrener Aktivitäten, am 29. Dezember 1987, suchte der amerikanische Botschafter in Ostberlin, Francis J. Meehan, den stellvertretenden Außenminister der DDR, Kurt Nier, auf und erhob offiziellen Protest. Wie anschließend Außenminister Oskar Fischer mitgeteilt wurde erklärte Meehan,  in Washington sei man „besorgt über eine weltweite Desinformationskampagne gegen die USA, die ihre Quelle in der DDR habe in Gestalt von Ausführungen von Prof. Segal. Seinen Vorstellungen zufolge sei der AIDS-Virus in einem Labor der USA-Armee hergestellt worden. Dies zu behaupten sei der Gipfel von Verantwortungslosigkeit.“  Und damit sei die seitens der DDR angestrebte Zusammenarbeit, beispielsweise bei der Bekämpfung von AIDS gefährdet.

Im DDR-Außenministerium fiel man ob dieser Anschuldigungen aus allen Wolken und begann man sich erst einmal zu informieren. Ein Genosse beschaffte eine Kopie der „von Botschafter Meehan erwähnten Studie des Prof. Segal“ – woher, geht aus den Akten nicht hervor. Und im Gesundheits­ministerium fragte man nach, was dort zu dem Vorgang bekannt sei. Von dort erfuhr man: „Segals „Position, daß der AIDS-Virus von der USA-Army gezüchtet und außer Kontrolle geraten sei, ist nicht die offizielle DDR-Position.“ Mit Prof. Segal habe es auch zu anderen Problemen Auseinandersetzungen wegen pseudowissenschaftlicher Auffassungen gegeben. Jedenfalls distanziere sich das Ministerium wie auch die Abteilung Gesundheitspolitik des Zentralkomitees der SED von Segals Behauptungen bezüglich des AIDS-Erregers. Das wurde dem Außenminister Oskar Fischer am 5. Januar 1988 mitgeteilt und ihm gleichzeitig vorgeschlagen, die USA-Botschaft unverzüglich darüber zu informieren. Fischer stimmte zu und schon zwei Tage später wurde der zuständige amerikanische Botschaftsrat offiziell darüber unterrichtet.

Erstaunlicherweise wird das in der von der Stasi-Unterlagenbehörde heraus­gegebenen Schrift  über eine angebliche „AIDS-Verschwörung“ nicht erwähnt. Statt dessen behaupten die Autoren fälschlicherweise, das MfS habe die ursprünglich vom KGB betriebene Desinformations­kampagne trotz der amerikanischen Proteste mit Unterstützung der SED-Führung nicht nur fortgesetzt sondern sogar noch verstärkt. Sie gründen diese Behauptungen vor allem auf einige in Sofia entdeckte Besprechungsprotokolle über die Zusammenarbeit der bulgarischen und ostdeutschen Geheimdienste sowie auf Berichte eines als IM tätigen Mitarbeiters an seinen Führungsoffizier. Keines dieser Dokumente wurde allerdings auf seine Glaubwürdigkeit überprüft und zahlreiche der darin gemachten Angaben erwiesen sich als zumindest zweifelhaft.

Sicher war die vor 30 Jahren in die Welt gesetzte Verleumdung das Produkt von zwei ungleichen Urhebern, des KGB und des Biologen Segal. Ob es eine direkte Verbindung zwischen ihnen gab wird man vielleicht, wenn überhaupt, erst dann erfahren, wenn die Archive des KGB geöffnet sind. Daß die Stasi dabei aber eine nennenswerte aktive Rolle gespielt haben sollte kann heute mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verneint werden.

 

 

 

 

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© Prof.Dr.Erhard Geißler